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Prozessauftakt

Angehörige von Loveparade-Opfern wollen Gerechtigkeit

Düsseldorf Anträge über Anträge, eine seitenlange Anklage. Beim Auftakt des Loveparade-Prozesses ging es sehr bürokratisch zu. Um die Opfer ging es nicht. Dabei ist der Tag vor allem für seine emotionale Angelegenheit. Eine Überlebende erzählt ihre Geschichte.

Angehörige von Loveparade-Opfern wollen Gerechtigkeit

Die von der Loveparadekatastrophe betroffene Rebecca Doll ist aus Hamburg zum Prozessauftakt gekommen. Foto: Pool

Unter acht Menschen sei sie begraben gewesen. Wäre sie nur zwei Minuten später befreit worden - man hätte nichts mehr für sie tun können, sagten ihr die Ärzte später. Rebecca Doll wurde bei der Loveparade 2010 in Duisburg schwer verletzt. Am Freitag ist die 34-Jährige aus Hamburg gekommen, um beim Auftakt des Loveparade-Strafprozesses dabei zu sein. Sie ist eine der ersten, die sich am Freitagmorgen vor dem Kongressgebäude in Düsseldorf angestellt haben, um rechtzeitig hineinzukommen. „Wir wollen Gerechtigkeit für die 21 Toten“, sagt sie. Und den Angeklagten in die Augen sehen.

Das ist wegen der vielen Beteiligten gar nicht so einfach in dem 500 Personen fassenden Saal auf dem Messegelände, der an den Verhandlungstagen nun eine Außenstelle des Landgerichts Duisburg ist. Kein Saal im Duisburger Landgericht war groß genug, die vielen Anwälte und Nebenkläger aufzunehmen: Für die zehn Angeklagten setzen sich 32 Verteidiger ein, weitere 38 Anwälte vertreten die 65 Nebenkläger, von denen nicht alle gekommen sind.

Hinzu kommen drei Staatsanwälte und die 6. Große Strafkammer mit mehreren Ergänzungsrichtern und Ergänzungsschöffen, falls jemand ausfällt. Für Pressevertreter sind 85 Plätze reserviert, am ersten Tag ist weniger als die Hälfte besetzt. Das Gericht hat mit vielen Zuschauern gerechnet und 234 Plätze für sie reserviert. Rund 50 sind gekommen.

Ihr Mann hat Rebecca Doll das Leben gerettet

Ausführlich erzählt Doll von ihren Erlebnissen am Unglückstag, jenem 24. Juli 2010, an dem 21 Menschen erdrückt und viele hundert verletzt wurden in einem unfassbaren Gedränge am Fuß der Rampe, dem einzigen Zu- und Abgang zum Loveparade-Gelände.

Wie sie und ihr Mann, erfahrene Loveparade-Besucher, am Morgen aus Hamburg gekommen waren und sich auf die Party gefreut haben. Wie sie erst noch zum Hotel fuhren, bevor sie zum Partygelände gingen. Wie eng es schon an einem Kontrollpunkt zuging, noch vor dem Tunnel und sie eigentlich schon dort am liebsten wieder umgekehrt wären. Wie sie schließlich an der Rampe ankamen und ihr Mann sie im Geschiebe noch beschützt habe, bis sie schließlich ohnmächtig wurde. „Er hat mir damals das Leben gerettet.“ Als sie wieder aufwacht, liegt sie auf der Intensivstation mit Lungen- und Beckenquetschungen. Ein halbes Jahr lang habe sie neu atmen lernen müssen.

Ein Nebenkläger ist Manfred Reißaus, Malermeister aus Bad Salzuflen. Der 55-Jährige hat seine Tochter Svenja bei der Katastrophe verloren. 22 Jahre alt wurde sie. „Ich habe mich gefreut, dass endlich der Prozess losgeht. Jetzt bin ich mir aber nicht mehr sicher, ob ich das heute überhaupt schaffe“, sagt Reißaus vor Prozessbeginn. Er sei sehr nervös.

Verteidigung beginnt Prozess mit Anträgen

Der Prozessbeginn um 10.15 Uhr ist unspektakulär, die ersten Stunden sind zäh. Der Richter muss die Anwesenheit der Dutzenden Beteiligten feststellen. Dann kommen schon die Verteidiger mit den ersten Anträgen. Auf Befangenheit von zwei Ergänzungsschöffen etwa.

Oder zur Besetzung der Kammer. „Hier sitzen nicht die richtigen Richter“, sagt ein Verteidiger und kündigt eine 74-seitige Begründung an. Leises Stöhnen im Saal. Das Oberlandesgericht hätte das Verfahren nicht einer anderen Kammer übertragen dürfen, sagt eine Anwältin.

Bis zum Nachmittag blieb unklar, ob die Staatsanwaltschaft noch dazu kommt, die Anklage zu verlesen. Die wesentlichen Vorwürfe hatte die Behörde allerdings schon im Februar 2014 mitgeteilt. Demnach wirft sie vier leitenden Mitarbeitern des Veranstalters Lopavent und sechs der Stadt Duisburg fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor. Die Lopavent-Angestellten sollen ein ungeeignetes Zu- und Abgangssystem geplant haben. Vor allem die Rampe, die auf das Partygelände führte, soll zu eng gewesen sein, um die vorhergesagten Besucherströme aufnehmen zu können.

Bei der Stadt Duisburg machen die Staatsanwälte zum einen ein Dreier-Team des Bauamtes verantwortlich. Die drei sollen die benötigte Baugenehmigung erteilt haben, ohne dass die Voraussetzungen dafür vorgelegen haben sollen. „Auch sie hätten erkennen müssen, dass die Veranstaltung wegen der schwerwiegenden Planungsfehler undurchführbar und daher nicht genehmigungsfähig war“, hieß es damals. Die anderen drei sind Vorgesetzte des Teams, darunter der frühere Baudezernent. Sie sollen das Genehmigungsverfahren nicht ordentlich überwacht haben.

Notfallseelsorger stehen im Gericht bereit

Für Angehörige und Traumatisierte wird es im Prozess auch sehr belastende Momente geben, etwa wenn Videoaufnahmen vom Unglück gezeigt werden. An jedem Prozesstag stehen deshalb Notfallseelsorger und Psychologen für Gespräche bereit. Am ersten Tag standen vier Mitarbeiter zur Verfügung.

Am Nachmittag bezeichnet Doll den bisherigen Verlauf der Verhandlung als „enttäuschend“. Hinter den Anträgen der Verteidigung sieht sie eine „Verzögerungstaktik“. „Uns rennt die Zeit davon“, sagt sie und meint die Ende Juli 2020 eintretende Verjährung. Bis Ende 2018 hat das Gericht bereits 110 weitere Verhandlungstage angesetzt. Am kommenden Mittwoch geht es weiter.

dpa

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