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Ballack: «Noch nicht auf dem Niveau, Favorit zu sein»

London (dpa) Gut vier Monate vor Beginn der Fußall-EM hat Michael Ballack die Erwartungen gedämpft und die deutsche Nationalmannschaft nicht als ersten Titelanwärter bezeichnet.

Gut vier Monate vor Beginn der Fußall-EM hat Michael Ballack die Erwartungen gedämpft und die deutsche Nationalmannschaft nicht als ersten Titelanwärter bezeichnet.

«Wir sind noch nicht auf dem Niveau, Favorit zu sein», sagte der DFB- Kapitän in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Noch gebe es Defizite bei der «individuellen Klasse». Sein beeindruckendes Comeback beim FC Chelsea nach acht Monaten Verletzungspause macht den 31-Jährigen «stolz».

Sie haben es bei Chelsea in nur vier Spielen vom Dauerverletzten zum unumstrittenen Führungs-Spieler und sogar zum Kapitän gebracht. Sind Sie von sich selbst beeindruckt?

Michael Ballack:«Was heißt: Von mir selbst beeindruckt? Ich bin stolz, dass ich sofort nach der Verletzung wieder voll da war. Dass es so gelaufen ist, war nicht unbedingt zu erwarten. Durch unsere vielen Verletzten bei Chelsea bin ich direkt wieder in die Verantwortung geraten, andererseits tut man sich leichter, wenn man in eine Mannschaft zurückkehrt, die keine Verletzungssorgen hat. Aber wir haben das gut hingekriegt. Dass ich gleich Kapitän wurde, habe ich aber zum Beispiel nicht erwartet.»

Haben Sie, wenn Sie jetzt in Zweikämpfe gehen, die Verletzung noch im Hinterkopf?

Ballack:«Bei den ersten Trainingsversuchen natürlich - aber das ist jetzt weg.»

Wie weit sind Sie jetzt von der Topfitness entfernt?

Ballack:«Schwer zu sagen. Ich bin natürlich noch nicht topfit, das kann ich auch nicht sein. Das braucht sicher noch ein paar Wochen, um dahin zu kommen, wo ich mich optimal fühle. Aber da mache ich mir eigentlich keine Gedanken.»

Was erwarten Sie für sich persönlich für die Saison?

Ballack: «Dass ich auch weiterhin wichtiger Bestandteil der Mannschaft bin, wie ich es auch vor der Verletzung war. Gegen Ende letzter Saison lief es eigentlich immer besser für mich, aber dann kam die Verletzung. Da will ich natürlich wieder hin, und Erfolg haben mit der Mannschaft.»

Blicken wir auf die EM. Wo steht im Moment die deutsche Mannschaft?

Ballack:«Wir haben nach der WM sehr gut weitergemacht, eine gute Qualifikation gespielt und uns relativ früh qualifiziert. Jogi Löw hat viele Spieler herangeführt und wir haben in der Breite zugelegt. Wegen der vielen Verletzungen konnten wir selten mit der Wunschformation spielen, aber wir haben das ganz gut gemacht. Der Konkurrenzkampf ist da, die Mannschaft hat Selbstvertrauen. Jetzt müssen wir abwarten, wie die Form vorm Turnier ist, wie jeder einzelne drauf ist und wie die Spieler harmonieren. Es ist immer schwer, ein halbes Jahr vorher Prognosen abzugeben.»

Ist die deutsche Mannschaft heute weiter als 2006 - trotz der Stagnation von Spielern wie Podolski oder Schweinsteiger?

Ballack:«Man kann Qualifikationsspiele nicht mit einer WM vergleichen. Man kann eher die Vorbereitung vor der WM zum Vergleich heranziehen, obwohl das Freundschaftsspiele waren. Ich glaube schon, dass die Mannschaft da einen Fortschritt gemacht hat. Sie hat sich stabilisiert und zeigt nicht mehr so große Leistungsschwankungen. Man sollte sich national aber keinen Honig um den Mund schmieren. Es ist auch wichtig zu sehen, wie wir im Ausland eingestuft werden. Und da haben wir doch Marken hinterlassen und mit guten Spielen beeindruckt, so dass wir auch dort für die EM zum Favoritenkreis gezählt werden.»

Wie sehen Sie Ihre Position im Vergleich zu 2006?

Ballack:«Man wird älter und hat nicht mehr so viel Zeit, große Turniere zu gewinnen. Da will man die wenigen Chancen, die einem noch bleiben, natürlich nutzen. Wir sind nie wirklich, auch 2002 nicht, mit dem Anspruch hingefahren, zu gewinnen. 2006 war das zwar die Zielsetzung, aber realistisch betrachtet, wenn man das Niveau der Mannschaft gesehen hat, Weltmeister zu werden, das ist natürlich noch mal ein Unterschied. Aber wir sind auf einem guten Weg und kommen dem Ziel immer näher. 2010, bei der WM in Südafrika, da hoffe ich, dass sich die Spieler entsprechend entwickelt haben, dass man mit Frankreich oder Italien auch individuell den Vergleich nicht scheuen muss. Als Mannschaft war Deutschland immer gut, da konnte uns eigentlich nie jemand etwas vormachen, in Sachen Geschlossenheit oder mentaler Stärke. Aber bei der individuellen Klasse müssen wir alle versuchen, einen Schritt nach vorne zu machen, um schließlich hinzufahren und zu sagen: Wir sind diesmal der Favorit.»

Das erwarten Sie dann eher für Südafrika 2010 als für dieses Jahr in Österreich und der Schweiz?

Ballack:«Wie gesagt, wir haben einen Schritt gemacht, das glaube ich schon. Aber wir sind noch nicht auf dem Niveau, Favorit zu sein.»

Wer sind denn Ihre Favoriten bei der EM?

Ballack:«Weltmeister Italien natürlich, Frankreich, das ist eine starke Gruppe mit Holland und Rumänien. Es ist noch nicht gesagt, dass sich beide durchsetzen. Wer da durchkommt, ist möglicherweise mit dem nötigen Selbstbewusstsein ausgestattet, um ganz weit zu kommen. Spanien und Portugal muss man nennen, Kroatien halten manche für einen Geheimfavoriten.»

Wie sehen Sie die Entscheidung von Jens Lehmann, nicht nach Dortmund zu gehen?

Ballack:«Ich kann das nicht beurteilen. Ich denke, dass Jens unsere Nummer eins ist, der mit Abstand beste Torhüter, den wir im Moment haben. Aber er spielt eben zurzeit nicht im Verein. Als Kapitän und Feldspieler habe ich vollstes Vertrauen zu ihm, ich kenne seine Einstellung, seine Trainingsarbeit, ich weiß, dass er hundertprozentig fit sein wird, egal, ob er spielt oder nicht, und die Erfahrung hat er auch. Ich hoffe, dass er im Verein bis zur Europameisterschaft einige Spiele absolviert. Wenn er sich am Wohlsten fühlt, wenn er in London bleibt, dann muss man ihm das zugestehen. Ich weiß, dass Jens auf die EM brennt. Dafür wird er alles tun, und auch die beste Entscheidung für sich treffen.»

Sie sind jetzt eineinhalb Jahre in England. Hat sich Ihr Blick auf Deutschland dadurch verändert?

Ballack:«Für mich und meine Familie war es super, dass ich hierher gekommen bin. Es war die richte Entscheidung. Abstand zu gewinnen hat ja auch sein Gutes. Für eine Zeitlang im Ausland zu leben und auch mal etwas anderes kennenzulernen. Aber irgendwann, wenn ich mal aufhöre mit dem aktiven Fußball, wird Deutschland wieder Lebensmittelpunkt sein.»

Beenden Sie Ihre Karriere in England, oder könnte Sie noch etwas anderes reizen?

Ballack:«Im Moment bin ich hier vollkommen zufrieden. Wir haben uns hier eingelebt, ich habe Vertrag und keine Absicht, den Verein zu wechseln. Ich spiele bei einem tollen Club und will hier noch viel erreichen. Was dann kommt, wenn mein Vertrag ausläuft, werden wir sehen. Ob es dann nochmal ein Jahr weitergeht, ob ich woanders hingehe, oder ob ich aufhöre, man kann das nie wissen im Fußball.»

Interview: Henning Hoff, dpa

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