Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Bereit für Gäste in der Region

Hotel-Boom im Ruhrgebiet

Urlaub in Deutschland wird immer beliebter, die Konjunktur brummt. Eine Folge: Hotels boomen und das lockt Investoren. Auch ins Ruhrgebiet. Mit Folgen für bestehende Häuser.

DORTMUND

, 15.03.2018
Bereit für Gäste in der Region

Dortmund lockt nicht nur mehr Gäste, sondern auch Hotel-Investoren.  © RTG/Jochen Tack

Man sieht es an den Baugerüsten: Das alte DB-Hochhaus am Hauptbahnhof und das alte Dortberghaus gegenüber werden zu Hotels umgebaut: nur zwei von gleich 13 aktuellen Hotelprojekten in Dortmund. Auch an der Jahrhunderthalle in Bochum und am Oberhausener Centro wird gebaut. Der Hotel-Boom ist in der Region an vielen Stellen zu sehen. Andere neue Häuser sind schon eröffnet, andere noch in Planung.

Im gesamten Ruhrgebiet sind es laut Ruhr Tourismus (RTG) aktuell 20 Projekte, die gebaut werden. Deutschlandweit zählt ein Branchenreport sogar 571 konkrete Projekte von 2017 bis 2019 mit Neu-, An- und Umbauten. Das Land ist im Hotelboom.

Urlaub in Deutschland immer beliebter

Reisen nach und in Deutschland waren noch nie so beliebt. Bei Krisen in klassischen Urlaubsländern bleiben viele lieber zwischen Nordsee und Alpen. Auch die Hochkonjunktur zeigt sich daran, dass besonders viele Geschäftsreisende unterwegs sind.

NRW insgesamt wächst bei den Übernachtungen schneller als der Rest der Republik. Im vergangenen Jahr wurden erstmals 50 Millionen Übernachtungen in NRW gezählt. „Grundsätzlich können wir neue Kapazitäten gebrauchen“, sagt Thorsten Hellwig, Sprecher der Dehoga NRW. Das Ruhrgebiet konnte in diesem Zeitraum ein besonders starkes Wachstum verbuchen: 2017 wurde die Marke von acht Millionen Übernachtungen erstmals überschritten – ein Wachstum von 38,7 Prozent seit 2009, dem Jahr vor der Kulturhauptstadt 2010.

Tagungen, Geschäftsreisen und jetzt Freizeittouristen, auch im Ruhrgebiet ist der klassische Dreiklang der Touristiker gewachsen: „Überspitzt gesagt: Früher haben die Hotels im Ruhrgebiet den Schlüssel am Freitag weggeworfen und Montag wieder aufgemacht. Das passiert seit einigen Jahren schon nicht mehr“, sagt Axel Biermann, Geschäftsführer der RTG, und damit oberste Touristenwerber der Region. 

Industriekultur als Zugpferd

Auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin - der wichtigsten Tourismusmesse - präsentierte sich die Region Anfang März wieder mit großem Stand, allerdings eingebunden in die Gesamt-NRW-Repräsentanz. Selbstbewusster also als klassische Touristikziele wie Sauer- und Münsterland. Jedoch deutlich kleiner als die mächtige Rheinschiene. Köln, Düsseldorf und Bonn leisten sich auf der Leitmesse stets einen Auftritt so groß wie der Rest-NRWs. Das Ruhrgebiet setzte dabei auf Industrie-Chick: Backsteinoptik und das berühmte Jugendstil-Portal der Dortmunder Zeche Zollern. "Zukunft braucht Herkunft", sagt Biermann: "Das ist abgedroschen, aber es stimmt."

Trotzdem oder gerade deswegen: Das Image des Ruhrgebiets sei gedreht worden, so Biermann. Industriekultur statt Industrieruinen. Die Radwege an Lippe und Ruhr sind ein Erfolg. Zudem locken vor allem die Veranstaltungen wie Fußball, Musicals oder Kultur. Über 55 Prozent der Touristen kommen dezidiert aufgrund eines Anlasses ins Ruhrgebiet, das ist überdurchschnittlich im Vergleich zum restlichen Land.

Investoren lassen Hotels boomen

Einer der wichtigsten Gründe hat jedoch weniger mit der Region zu tun: die niedrigen Zinsen. Geld ist billig und es will irgendwo investiert sein. Das Branchenblatt AHGZ rechnet mit 85.000 neuen Betten in ganz Deutschland. „Das spricht dafür, dass Hotels in den Fokus der institutionellen Investoren gerückt sind“, sagt Ulf Templin. Der Geschäftsführer der Münchner PKF berät Investoren und Hoteliers.

Bereit für Gäste in der Region

Entlang der Lippe mit dem Römermuseum in Haltern entwickelt sich der Radtourismus. © Dennis Stratmann

Er spricht von einem Hype in den Metropolen. Experten sprechen von A-Städten: Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Köln und Düsseldorf. Hier wachsen die Hotelkapazitäten seit Jahren. Weil die A-Standorte jedoch mittlerweile unter überhitzten Immobilienmärkten leiden, nehmen die Projektentwickler nun die B-Lagen ins Visier, große Städte wie Leipzig, Stuttgart, Dresden – oder Essen, Münster und Dortmund. Dortmund sei bei den B-Städten „gutes Mittelfeld bis oberes Feld“, so Experte Templin.

Wann wird ein Hotel gebaut und wann nicht?

Es gibt Faktoren, auf die Investoren achten. Stimmt die Wirtschaftskraft? Ist die Auslastung gut, aber nicht zu gut? Übersteigt die Übernachtungsnachfrage schon jetzt 100.000 Übernachtungen pro Monat? Allein mit der Nachfrage fallen kleine und mittlere Städte schon aus dem Raster.

Bereit für Gäste in der Region

Am Dortmunder Burgwall ging zuletzt das B&B-Hotel an den Start. Mit einem weiteren aktuellen Bau-Projekt entsteht hier eine regelrechte Hotelmeile. © Dieter Menne Dortmund

Größe ist wichtig: Je mehr Zimmer, desto geringer sind die Fixkosten wie Personal und Gebäudekosten pro Zimmer. Erfolg wird dementsprechend in Zimmerauslastung und Erlös pro Zimmer gerechnet.

„Ab einer Bettenauslastung von 40 Prozent wird es interessant für Hotelentwickler“, sagt Axel Biermann. Und die Auslastung ist seit 2010 umgerechnet auf das gesamte Ruhrgebiet auf dem Niveau von rund 40 Prozent, so die RTG. „Dies ist ein Indikator für einen gesunden Markt, der weitere Hotelneubauten zulässt“, so Biermann.

Jetzt lesen

Wichtig für die Entwicklung vor Ort ist die Nachbarschaft. Wie groß dieser Einfluss ist, spüren die Hoteliers im westlichen Ruhrgebiet. Hier profitierte man lange besonders vom Messestandort Düsseldorf. Kamen die Geschäftsleute an den Rhein, waren auch die Hotels in Duisburg, Essen oder Bochum gebucht. Im Vergleich zu anderen Messestandorten war in Düsseldorf der Anteil der Messebesucher, der auch am Messestandort nächtigte, geringer. Das ändert sich nun. Die Landeshauptstadt boomt. In diesem und im kommenden Jahr entstehen hier laut PKF 35 neue Hotels. Zu den 26.500 Betten kommen dann noch mal rund 4000 neue hinzu. Zum Vergleich: Dortmund zählt laut Dortmund-Tourismus rund 7500 Hotelbetten, bis 2021 kämen 1500 neue hinzu.

Der Investorenrun in die Landeshauptstadt ist ein Risiko für das Ruhrgebiet. „Wenn die Hotels erfolgreich sind, wird es sicher Auswirkungen im Ruhrgebiet haben“, sagt Templin: „Da wird es Verschiebungen geben.“ Der Erlös pro Zimmer – eine wichtige Kennzahl für die Branche – sinkt in Duisburg, Essen und Bochum laut Branchendienst Fairmas. Umgekehrt steigen dagegen in Dortmund die Erlöse pro Zimmer und auch die durchschnittliche Zimmerrate - beides Zeichen für einen Aufholprozess. Allerdings vom niedrigen Niveau. 

Was Düsseldorf für das westliche Ruhrgebiet ist, ist Dortmund für die umliegenden Städte. Wenn in Dortmund nun also stark gebaut wird, kann das auch Auswirkungen auf die Hotels in der Nachbarschaft haben. Nicht heute, nicht morgen, aber spätestens wenn die Konjunktur nachlässt und der Wettbewerbsdruck steigt.

Den Preis senken werden die großen Hotels dann nicht, erwartet Templin. Die Ketten akzeptieren einfach eine niedrige Auslastung: dann bleiben einfach ein paar Zimmer leer. Kleinere und mittlere Hotels können sich das nicht so einfach leisten, um die Gesamtrechnung zu stemmen. Die Kostenfalle schlägt irgendwann zu. „Eine Gefahr für nicht mehr zeitgemäße Hotels“, sagt Templin: „Ein älteres Hotel wird dann erst recht keine finanziellen Mittel zur Modernisierung haben. Wenn nebenan ein neues modernes Haus steht, wird es existenzbedrohend. „Es kommt zu Marktbereinigungen“, so Templin.

Investoren in Castrop-Rauxel?

Wenn Städte wie Berlin und Hamburg A-Lage sind, Dortmund und Essen B-Lage, dann sind Städte wie Castrop-Rauxel, Lünen oder Schwerte D-Lage. „Die liegen nicht im Fokus der Investoren“, sagt Templin. Hotelketten werden hier nicht aktiv. Ob Dortmund, Selm oder Castrop-Rauxel: Basis für die hiesigen Hotels ist ein gesunder Mittelstand, der Kunden, Mitarbeiter, Tagungsgäste an den Ort bringt. Der Geschäftsreiseverkehr spielt laut Dehoga in NRW eine besondere Rolle, weil man eben kein klassisches Urlaubsziel sei – ohne Berge, ohne Meer. Auf der anderen Seite wird der Privattourismus immer wichtiger.

So spielen Radtouristen an Ruhr und Lippe eine immer größere Rolle. An der Lippe spüre man schon eine positive Entwicklung, sagt Axel Biermann. Und auch im Süden: „Der Ruhrtal-Radweg belegt Platz 3 im Ranking der meistbefahrenen touristischen Radwege in Deutschland“. Laut der aktuellen Radreiseanalyse des ADFC, die au8f der ITB in Berln vorgsetllt wurde, verteidigt das Ruhregbiet auch den vierten Platz der beliebtesten Radreiseregionnen in Deutschland.

Bereit für Gäste in der Region

Der Ruhrtal-Radweg bleibt laut ADFC weiterhin unter den Top 3 der beliebtesten Radfernwege Deutschlands. Im Bild die Ruine Hardenstein in Witten. © RuhrtalRadweg/Stratmann

Per E-Bike über weite Strecken

Die Analyse bestätigt auch einen weiteren Trend: Sternrouten. 68 Prozent der in der Analyse Befragten verbinden gerne Ausflüge mit umliegenden Sehenswürdigkeiten in der Region. Also: An Ruhr und Lippe Fahrrad fahren und das Museum in Dortmund besuchen. Mit neuer Technik wie E-Bikes oder Pedelecs und ihren großen Reichweiten wäre das möglich. „Da hat man mittlerweile von einem Hotelstandort aus hervorragende Möglichkeiten“, sagt Axel Biermann. Dies biete ganz neue Perspektiven gerade für kleinere Hotels.

„Man muss sich fragen: Was passt zusammen? Was gibt es an Attraktionen in der Nähe?“ Von Leuchttürmen wie dem Dortmunder Fußballmuseum kann die ganze Region profitieren.

Lesen Sie jetzt