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Brauchtum und Moderne - Maibaum bekommt Videoüberwachung

München. Zum Mai gehört in vielen Gemeinden der Maibaum, und zum Maibaum gehört der Maibaum-Klau. Vielen Bewachern hilft inzwischen moderne Technik. Dennoch versuchen diebische Burschen es immer wieder.

Brauchtum und Moderne - Maibaum bekommt Videoüberwachung

Der Maibaum-Klau gehört zum Höhepunkt im Dorfleben. Doch Videoüberwachung, Alarmanlagen und Infrarotsender mit direktem Signal aufs Handy sollen es den Dieben in Zukunft schwer machen. Foto: Stephan Jansen

Bis zur Ortsgrenze hatten die Diebe ihre Beute schon geschleppt. Ausgerechnet den Maibaum des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) wollten sie stehlen - und wurden im letzten Moment ertappt.

Der nächtliche Klau gehört zum Maibaum-Brauch. In vielen Orten Bayerns laufen - wie im Rheinland, in Baden-Württemberg und im hohen Norden - die letzten Vorbereitungen für das Aufstellen der Maibäume. Und bereiten vielerorts schlaflose Nächte: Um Diebe abzuhalten, muss gewacht werden. Nacht für Nacht. Der Maibaum-Diebstahl, so selten er glückt, ist ein Höhepunkt im Dorfleben. Er ist verbunden mit Lösegeld: Bier, Schnaps und Brotzeit.

Der Fortschritt macht allerdings auch bei dem alten Brauch nicht halt. Was Sicherheitsbehörden bei Kriminellen anwenden, haben Feuerwehren, Burschen- und Trachtenvereine für sich entdeckt. Videoüberwachung, Alarmanlagen und Infrarotsender mit direktem Signal aufs Handy machen es den Dieben schwer.

„Wir waren gerade dabei, den Baum aufzuladen, da sind sie schon gekommen“, berichtet Simon Huff, Vorsitzender der Lindenburschen Neubiberg, vom letzten Diebstahlversuch in einer Nachbargemeinde. Die Besitzer hatten gar nicht am Baum gewacht, sondern kamen mit Autos. Die Neubiberger rätselten, wie die Bewacher Wind bekommen konnten, und schlichen sich nochmals heran. „Es hat uns keine Ruhe gelassen.“ Ergebnis: Der Baum war präpariert. Ein Bewegungsmelder war im Fuß verborgen. Nun hatten die Bewacher keine Ruhe - die gescheiterten Diebe rüttelten alle paar Stunden mit Freude an dem Baum.

Söders weiß-blau-geringelter Maibaum war nicht elektronisch gesichert, sondern herkömmlich bewacht, der Ort war zunächst geheim. Er soll vor der Landesvertretung in Brüssel aufragen, wenn das bayerische Kabinett dort zu einer Sitzung zusammenkommt. Alles soll ganz traditionell vor sich gehen: Nicht ein Autokran, wie teils schon praktiziert, sondern Trachtler sollen den Baum mit Holzstangen - Schwaiberln - Zentimeter um Zentimeter aufrichten.

Kurz nach seiner Kür zum Regierungschef hatte Söder den Maibaum-Plan auf den Weg gebracht. Söder habe ihm mitgeteilt, dass er gern einen Maibaum vor der Vertretung des Freistaats bei der EU aufstellen würde, sagt Thomas Huber, CSU-Landtagsabgeordneter aus Ebersberg und nun Maibaum-Beauftragter des Ministerpräsidenten. „Ich fand die Idee super, im Herzen Europas ein traditionelles Symbol zu setzen.“

Der aktuelle Maibaum des Ministerpräsidenten, zumal gut versteckt, lockte die Diebe besonders. „Das ist ja doch eine besondere Hausnummer“, sagt Julius Zulbeck vom Burschenverein Grafing, dem mit dem Ebersberger Verein der Klau fast gelungen wäre. Die Diebe hatten den Baum bei einem Zimmerer, Georg Gruber im Landkreis Rosenheim, ausfindig gemacht und davongeschleppt. Doch Gruber stellte sie kurz vor Ortgrenze. Der Baum musste zurück. So will es die Tradition.

Hier half moderne Technik den Dieben. Über Google Earth hätten sie geschaut, wo eine Halle steht, in die der Baum hineinpasst, sagt Valentin Scharpf, Vorstand des Burschenvereins Grafing. Der Baum lag dann draußen - klaubar. Auch wenn die Polizei hier ein Auge zudrückt - Schlösser aufbrechen, wie es durchaus geschieht, geht zu weit.

Brauchtumspfleger berichten von Anrufen der Diebe selbst: Ob sie das Wachhäuschen so verrammeln dürften, dass die Bewacher nicht hinaus können? Antwort: Nein. Das wäre Freiheitsberaubung.

In den Dörfern ist nicht nur die gute Bewachung, sondern auch die Größe des Baumes eine Prestigefrage. Als natürliche Begrenzung gilt wegen Blitzschlags, aber auch aus Respekt: „Nicht höher als der Kirchturm.“ Etwa 30 Meter ist die übliche Größe.

Längst herrscht hier Wettbewerb. Baummesser fahren herum und schauen nach dem größten Baum. Im Landkreis Ebersberg, von wo der Söder-Baum stammt, war 40 Meter der Rekord. Mehrfach wurde „Deutschlands größter Maibaum“ gemeldet. Eine Douglasie, gefällt in Pfaffenhofen in Bayern für Nordenham in Niedersachsen, soll es auf 61 Meter bringen.

Für Söders Baum ist laut dessen Maibaum-Beauftragtem Huber die Größe nicht so wichtig. 19 Meter hat er, immerhin mehr als die um zwölf Meter hohen Stangerl vor Kitas und Altenheimen. Der Transport über 800 Kilometer nach Brüssel ist so schon aufwendig genug. Er habe aber darauf geachtet, „dass es ein schöner Baum ist“, sagt Huber. Neben weiß-blauen Ringeln und Rauten trägt er Tafeln mit dem Wappen des Freistaats, Trachtenpaaren, Zünften - und den europäischen Sternen.

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