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Brief an Cäcilie Sildatke

Wenn Ihr Sohn von Ihnen erzählt, ist es mehr als eine Verbeugung vor seiner Mutter... - in dieser Woche schreibt Hermann Beckfeld an eine starke Frau.

Brief an Cäcilie Sildatke

Liebe Cäcilie Sildatke,

es waren Zeiten der Entbehrung, des Hungers, der Angst. Es waren Jahre, in denen Sie wie viele, viele andere Frauen stark sein mussten, stark waren: Ihr Mann kämpfte an der Front, Sie kämpften um das Leben, um die Zukunft Ihrer fünf Kinder; häufig mit einem hoffnungmachenden Lächeln im Gesicht, obwohl Ihnen zum Heulen zumute war.

Fußmarsch in neue Heimat

Wir Kinder der Nachkriegsgeneration können nur erahnen, nicht empfinden, was es heißt, wenn auf dem Fußmarsch in die neue Heimat jeder Schritt schmerzt; wie schrecklich es sein muss, allen Besitz zurückzulassen, aus Angst vor dem Tod nur mit einem Koffer voller Habseligkeiten in ein neues Leben aufzubrechen.

Ihr Sohn Siegfried kam von Dorsten-Lembeck zu meiner Lesung nach Stadtlohn, erzählte mir Ihre Geschichte. Er ist der letzte Überlebende Ihrer Familie, die erst in Karthaus, später in Danzig sesshaft war; ihm, dem heute 84-Jährigen, war es eine Verpflichtung, dass Ihre Erlebnisse, Ihr unglaublicher Mut und Ihre beeindruckende Stärke nicht in Vergessenheit geraten. Natürlich sprach er voller Stolz von Ihnen. Doch manchmal stockte seine Stimme. Es fiel ihm schwer, die Gedanken, die ihn bis zum letzten Tag nicht loslassen werden, in Worte und Sätze zu ordnen.

Kinder an die Hand genommen

Der 1. September 1939. Sie nehmen Ihre Kinder an die Hand und klettern auf den Bischofsberg der Westerplatte, einer Halbinsel zwischen Ostsee und Hafenkanal. In der Ferne sehen sie das deutsche Kriegsschiff „Schleswig-Holstein“, sie erkennen an Bord die Kanonen, die Ziel nehmen auf das polnische Munitionslager. Bei jedem Schuss zucken sie zusammen; jede Kugel explodiert für immer in Ihren Herzen. An diesem 1. September 1939 hat auf der Westerplatte der Zweite Weltkrieg begonnen. Bald werden dort nur noch Denkmäler an Krieg, Millionen Tote und unvorstellbare Gräueltaten erinnern.

Leben schwer genug

Ihr Leben, liebe Cäcilie Sildatke, war schon ohne Krieg schwer genug. Sie waren fünf Jahre alt, als Ihre Mutter Anna starb. Sie hinterließ fünf Kinder und Ehemann Johann. Ihr Großvater, ein Schmiedemeister, fand durch Zufall im Nachbarort eine Frau. Die Witwe brachte fünf Kinder mit in die Ehe, gemeinsam bekamen Johanna und Johann weitere fünf Nachkommen.

Leben in Großfamilie

Nun lebten Sie in einer Großfamilie, mussten viel zu früh lernen, für sich selbst zu sorgen. Schnell waren Sie im ganzen Ort bekannt als patente Haushälterin und Köchin. Beim Tanzen verliebten Sie sich in Ihren Wilhelm und wenig später wurde geheiratet; von Ihren vier Kindern starb in jungen Jahren eine Tochter. Später sollte dann Siegfried noch ein weiteres Schwesterchen bekommen.

Ihr Mann, ein Pflasterer, auch Steinsetzer genannt, musste nach Warschau an die Front, kam später in Kriegsgefangenschaft. Zum Glück hatten Sie noch den Vater, der auf einem Pferdewagen aus seinem 40 Kilometer entfernten Dorf regelmäßig 30 Zentner Kartoffeln, fünf Gänse und zwei Zentner Steckrüben nach Danzig brachte.

Weg in den Westen

Irgendwann wurde es Zeit, sich auf den Weg in den Westen zu machen. „Wir sind nicht geflüchtet, wir sind vertrieben worden“, sagt Ihr Sohn Siegfried. „Nehmt bloß kein Schiff“, warnte Ihr Mann. Es war höchstwahrscheinlich ein lebensrettender Tipp: Während Sie mit Zug und zu Fuß unterwegs sind, sinkt nach einem sowjetischen U-Boot-Angriff am 30. Januar 1945 die „Wilhelm Gustloff“ vor der Küste Pommerns und reißt vermutlich 9000 Menschen mit in den Tod; nie waren nach einem Schiffsuntergang mehr Opfer zu beklagen.

Liebe Cäcilie Sildatke,

in Viersen haben Sie und Ihr Wilhelm sich ab 1949 eine neue Existenz aufgebaut; im Alter von 81 Jahren sind Sie 1989 gestorben. Wenn Ihr Sohn von Ihnen erzählt, ist es mehr als eine Verbeugung vor seiner Mutter. Es ist ein Appell gegen Kriege, Verbrechen und Unrecht, für Frieden und Freiheit, für Nächstenliebe und für eine Familie, die immer zusammenhält.

Mit freundlichen Grüßen

Hermann Beckfeld

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