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Beckfelds Brief

Brief an Joachim Löw

„Es ist ein tiefes Glücksgefühl für die Ewigkeit“, werden Sie wenige Minuten nach dem WM-Sieg sagen...

Brief an Joachim Löw

Joachim Löw Foto: dpa Foto: picture alliance / Christian Cha

Lieber Joachim Löw,

schenken wir uns einen Glücksmoment. Erinnerungen an den 13. Juli 2014 im Maracana-Stadion, an das WM-Finale. Ihre Mannschaft führt durch das Traumtor von Mario Götze. Verlängerung, Nachspielzeit, Nervenkampf. Die 123. Minute. Foul an Bastian Schweinsteiger. Er blutet, liegt wieder am Boden, krümmt sich vor Schmerzen. Und dann, endlich, der Abpfiff. Aus, geschafft. Sie, wir sind Weltmeister ...

Andere Trainer wären völlig ausgerastet, wären mit Freudensprüngen auf den Platz gestürmt. Sie bleiben am Spielfeldrand stehen, Andreas Köpke ist der Erste aus Ihrem Team, der Sie umarmt. Natürlich gehen Sie dann von Spieler zu Spieler, nehmen sie in den Arm; es ist ein eher stiller Jubel.

Ein Augenblick, ein Bild bleibt mir in Erinnerung: Mit erhobenen Händen stehen Sie allein vor der Tribüne, schauen hoch. Sie wirken gerührt, erleichtert, ein wenig träumerisch, nachdenklich, fast verschlossen; wie einer, der den Moment in seinem Innersten genießen will. „Es ist ein tiefes Glücksgefühl für die Ewigkeit“, werden Sie wenige Minuten später im ersten Interview nach dem WM-Sieg sagen.

Kurz vor der Weltmeisterschaft in Brasilien waren Sie nach dem Höhepunkt Ihres Lebens gefragt worden. Ihre Antwort hat mich beeindruckt, überrascht. Sie schwärmten von der Besteigung des Kilimandscharo, vom schwierigen Aufstieg über fünf Tage, von der letzten Nacht, in der Sie körperlich und psychisch bei minus 30 Grad an Ihre Grenzen gerieten. „Ich wollte umkehren, aber irgendetwas trieb mich immer weiter. In dieser Nacht passierten Dinge in meinem Kopf, die ich nicht für möglich gehalten hätte.“ Bei Sonnenaufgang erreichten Sie den Gipfel. „Und ich spürte dieses Glücksgefühl, dass man fast alles schaffen kann auf der Welt.“

Als Sie vor zwölf Jahren Bundestrainer wurden, fiel es uns schwer, Ihnen zu vertrauen. Sie waren nun mal kein Weltmeister wie Ihre Vorgänger Kaiser Franz und Sonnyboy Klinsmann; wir kannten Sie nur als mittelmäßigen Kicker, passabel für die zweite, zu schlecht für die erste Liga. Als Vereinstrainer hatten Sie einige Erfolge vorzuweisen, aber Sie wurden auch beurlaubt, gaben auf. Ihre Trainerstationen in der Türkei, der Schweiz und in Österreich machten uns eher misstrauisch; zu viele Ihrer in Deutschland gescheiterten Vorgänger waren zuvor schon ins Ausland geflüchtet.

Anfangs waren Sie uns fremd. Der Ästhet mit den taillierten Hemden und den pechschwarzen Haaren, dazu der gewöhnungsbedürftige badische Dialekt, eine Steilvorlage für Comedians; der am Mikrofon taktierende Diplomat, der sich auch privat nicht in die Karten schauen lassen wollte; der distanzierte, vielfach unterkühlte Fußballlehrer, kein Visionär, eher ein Pragmatiker, der nach Meinung von Millionen selbst ernannter Bundestrainer häufig an Spielern mit früheren Verdiensten festhielt, auch wenn diese nicht mal in ihren Clubs zum Einsatz kamen.

Sie verdienten sich unseren Respekt, nicht nur mit Erfolgen. Ja, wir verziehen Ihnen sogar taktische Fehler. Endlich gewann unsere Nationalelf auch gegen große Gegner, überraschte häufig mit Zauberfußball. Fünf Mal führten Sie Ihr Team bei großen Turnieren ins Halbfinale, hatten im Endspiel 2014 das richtige Händchen, als Sie in der 88. Minute Mario Götze einwechselten. 25 Minuten später schoss Mario das entscheidende Tor.

Lieber Joachim Löw,

vielleicht wird es Sie überraschen. Natürlich gibt es sportlich nichts Wertvolleres, als den WM-Titel zu gewinnen. Aber noch mehr imponierte mir Ihre Kabinenansprache in der Halbzeit des Halbfinales. Unser Team führte 5:0 gegen Gastgeber Brasilien, auf den Tribünen weinten die fassungslosen Fans, ein ganzes Land verzweifelte an den Bildschirmen. Sie appellierten in der Halbzeitpause an Ihre Spieler, den schon am Boden liegenden Gegner nicht weiter zu demütigen, nicht arrogant aufzutreten, über jedes weitere Tor eher verhalten zu jubeln. Es war eine Botschaft der Fairness, viel wertvoller als jeder Sieg.

Beste Grüße

Hermann Beckfeld

P.S. Viel Glück und Erfolg in sechs Wochen in Russland.

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