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Brief an Werner Hallay

Unglaubliche 50 Jahre gehört ihm der Musik Pub in Gladbeck. Er ist sein Arbeitsplatz, sein Wohnzimmer, sein Leben – Hermann Beckfeld schreibt in dieser Woche an einen ganz besonderen Wirt.

Brief an Werner Hallay

Lieber Werner Hallay,

wer will sie zählen? Die Pils, die Sie gezapft haben. Die Striche auf den Deckeln. Die Schnitzel, die Sie gebraten haben. Die Gespräche an der Theke – auch wenn Ihnen nicht immer nach Reden zumute war.

Unglaubliche 50 Jahre gehört Ihnen der Musik Pub in Gladbeck. Er ist Ihr Arbeitsplatz, Ihr Wohnzimmer, Ihr Leben. Ein Leben auf geschätzten 80 Quadratmetern, mit der rechteckigen Theke und acht, neun Tischen, alles aus dunklem Holz. An den Wänden werben Emaille-Werbeschilder für Marken, die es nicht mehr gibt, hängen ausgediente Musikinstrumente. Gitarre, Posaune, Trompete, Geige. Staubfänger.

Es ist ein Leben, das so anders verlaufen wäre, hätte die Gesundheit mitgespielt, hätten Sie nicht mit 23 Jahren als Dekorateur aufhören müssen. So aber übernahmen Sie die Kneipe von Vater Emil und Mutter Gerda und stehen seitdem hinter Herd und Theke.

Wer nichts wird, wird Wirt? Es wäre zu einfach, zu platt, zu ungerecht, Ihr Leben auf diesen Satz zu reduzieren.

Dienstags ist Ruhetag. Ansonsten, immer und immer wieder, Tag für Tag, ohne ein freies Wochenende, ein halbes Jahrhundert lang: Punkt 18 Uhr die Rollladen hochziehen, Tür aufsperren, Thekenlicht anmachen, Kaffee kochen, das erste Pils anzapfen.

Irgendwann werden Balli, Ede, Auge und Dörnie kommen, sich auf ihren Stammplatz setzen, den sie bis zu ihrem Tod verteidigen werden. Balli, Ede, Auge und Dörnie und all die anderen müssen nichts bestellen. Sie wissen, was Ihre Gäste wünschen, und Sie wissen noch viel mehr; manchmal sogar zu viel.

Einige standen und saßen schon am ersten Tag an der Theke, damals im Januar 1968. Viele haben es nicht bis heute geschafft. Nur noch Erinnerungen. An trinkfeste Stammgäste, an Dietmar, Kellner, Pfiffikus und Stimmungsmacher, der den Laden alleine schmiss, wenn Sie und Frau Ursula einen der wenigen Urlaube machten; an Discjockeys, die den Pub ausflippen ließen, an Partys, die nicht enden sollten.

Erinnerungen an die Kneipenmannschaft, gute Fußballer, die Pokale anschleppten; nach Siegen hielten Sie Ihr Versprechen, und es gab Freibier im Stiefel und Currywurst für lau.

Erinnerungen an rauschende Fußballabende, Blau und Weiß, wie lieb ich dich, bis Sky 7500 Euro im Jahr haben wollte.

Erinnerungen an Kultgetränke, jedes zu seiner Zeit, die auch unsere war. Persiko, Apfelkorn, Bessen Genever. Ich könnte mich heut noch schütteln. Sie erfanden eigene Mixturen. Kaffee spezial: ein halbes Pinnchen Aprikosenlikör, dazu heißen Bohnenkaffee, ein Renner. „Den haben meine Gäste tablettweise bestellt.“

Bis 23 Uhr sind Sie Koch in der Küche gleich nebenan; Schnitzel mit Pommes und Currywurst rot-weiß sind die Klassiker, und montags ist Schaschlik-Tag. Danach lösen Sie Ursula ab, haben Thekendienst. Jeder Griff ist hunderttauschendfach gelernt, gelebt, automatisiert. Bier zapfen, Striche auf den Deckel machen, Schnapsflasche aus dem Eisfach holen, CD-Player bedienen, Schallplatten auflegen…

3500 Platten haben Sie; die von den Stones sind Ihre liebsten. Donnerstags ist „Platten-Lausch. Nostalgie scheibenweise, ein knisterndes Erlebnis“, so steht es auf dem kleinen grünen Zettel mit dem Wochenprogramm. Freitags spielen Sie Rock- und Popklassiker, samstags Oldies. Da kann es auch mal 5 Uhr werden, bis Sie die Treppe zu Ihrer Wohnung hochsteigen.

Lieber Werner Hallay,

der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Westfalen zeichnet Ihre Wirtschaft mit dem Gütesiegel 2018 in der Kategorie „Kleine Kneipe mit Musik“ aus. Sie haben die Auszeichnung verdient. Für Ihren Musik Pub. Und noch mehr für Ihr Lebenswerk.

Mit besten Grüßen

Hermann Beckfeld

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