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Callo-Theater spielt Brecht

CASTROP Im siebten Jahr hat das Callo-Theater wieder eine starke Inszenierung auf die Bühne gebracht: "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturio Ui" von Bertolt Brecht.

von Von Martin Schreckenschläger

, 03.03.2008
Callo-Theater spielt Brecht

<p>Andreas Kemna spielt den Arturo Ui.

Die abstruse Geschichte um die erzwungene Unterschutzstellung des Chicagoer Karfiol-Trusts, des "Blumenkohl-Kartells" Gemüsehändler, stammt von niemand geringerem als Bertolt Brecht. Gut 120 Zuschauer wohnten der Premiere in der ASG-Aula bei.

Nicht ohne politischen Hintersinn schrieb Brecht seinen "Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui" 1941 im schwedischen Exil. Die Parallelen der Parabel zur damaligen Zeitgeschichte zogen die Regisseure Martin Buchholz und Johannes Kampmann mit den geschichtlichen Fakten auf der Hintergrund-Leinwand: Hitlers Machtergreifung.

Unterwelt Chicagos

Brecht hatte seine Anklage verschleiert, das Treiben der braunen Schergen schlicht dorthin verlegt, wo deren kriminelle Geisteshaltung hingehört: in die Chicagoer Unterwelt. Zwar hatten die Zuschauer durchaus ihr Vergnügen, wenn Andreas Kemna in der Hauptrolle bei einem Schauspieler Gehen, Stehen und Sitzen erlernte, dabei den vorexerzierten Fallstaff Shakespeares umgehend in die Stakkato-Bewegungen des Diktators getreu den Wochenschau-Wiedergaben umsetzte. Dennoch ist die Brecht'sche Sicht weit entfernt von Chaplins "Großem Diktator".

Wirtschaftskriminalität

Das 20-köpfige Laienensemble zeigte den Weg von den Verstrickungen Hindenburgs in die Machenschaften der Junker und Industriemagnaten über dessen daraus folgende Erpressbarkeit, die Hitler als Hebel zur Macht diente, die Ermordung Ernst Röhms und des österreichischen Kanzlers Dollfuß als Voraussetzung für den Anschluss Österreichs. Dies alles hat Brecht ins Milieu wirtschaftskrimineller Blumenkohlhändler, auf die Ebene korrupter Kommunalpolitik und Lokaljustiz heruntergebrochen.

Klitzekleine Patzer

Gewalt fand statt, doch die Schüsse fielen hinter der Bühne, Röhms Exekution wurde nur als Scherenschnitt sichtbar. Komplexe Tiraden und lyrische Textsequenzen verlangten den Darstellern einiges ab. Kleine Patzer, wie die Ladehemmung einer Pistole, nahm das Publikum gnädig schmunzelnd auf. Die frappierende Wirkung indes verfehlte die Aufführung nicht. Es keimte die Frage nach dem Hier und Jetzt auf. Zeigt die Gier der Wirtschaft nicht schon wieder hässliche Fratzen? "Aufpassen!", scheinen uns die beiden politisch engagierten Regisseure zuzurufen.

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