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Der Kohle immer noch treu

SChWERIN Energiepreise hin und her, sie bleibt der Kohle treu. Die wie ehedem wohlig-warme Wärme verbreitet im Haus von Margrit Stiewe (Foto) an der Schweriner Straße - Tradition in der ehemaligen Bergarbeitersiedlung auf Schwerin.

von Von Abi Schlehenkamp

, 30.12.2007
Der Kohle immer noch treu

Hier wird noch mit Kohle geheizt.

Sie ist um die Wende zum 19. Jahrhundert entstanden, für die Püttleute, die auf Graf Schwerin einfuhren. Wie für den Vater der 63-Jährigen, die Veteranin in der Kolonie, seit 60 Jahren dort zuhause und bekennende Schwerinerin. "Früher", erzählt sie, "habe ich schon mal überlegt wegzuziehen." Aber das ist eine andere Geschichte. Wie ungefähr die Hälfte der ehemaligen Mieter kauft sie mit ihren Eltern und ihrem Mann 2001 "ihr" von der GeWo an das Wohnungsbauunternehmen Hartbecke weiter veräußerte Zechenhaus.

Margrit Stiewe lacht: "Ist auch ein Stückchen Erhaltungssatzung, wenn ich hier weiter mit Kohle heize". Der Ofen in der Küche bullert. Im Wohnzimmer steht ein zweiter, im ausgebauten Dachgeschoss ein dritter. "Tante Margrit, bei Dir ist es so schön warm", schwärmen die Nachbarskinder in der Siedlung, die mit ihren vielen Nationalitäten längst multi-kulti lebt. Früher gab's Deputatkohle, "aber wir haben immer zugekauft", erinnert sich die 63-Jährige. Denn ihrem im vergangenen Jahr verstorbenen Vater konnte es nicht warm genug sein. "Staublunge wegen der Arbeit unter Tage", erzählt Margrit Stiewe. Watt et stüfft, was es staubt, hieß es früher auf Schwerin. Genauso wie die Richtschnur galt: Wenn die Kartoffeln eingekellert sind und die Kohlen, dann kann der Winter kommen.

"Wir waren alle arm"

Und Margrit Stiewe, früher lange Verkäuferin auch bei Hertie im Geschäft, erinnert sich so lebhaft und warm der alten Zeiten, dass sie Bände mit ihren Erzählungen füllen könnte. Vom alten Sportplatz hinter der Halde, von dem gepachteten Land hinten an der noch unbebauten Pestalozzistraße /Ecke Schweriner Straße, wo die Kumpel Gemüse und Futterkohl anbauten und Schweine hielten und es zum Schlachten zum Dingebauern ging. "Wir waren alle arm und irgendwie alle gleich", sagt sie, die heute so reich an Erfahrung ist. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Kräftig abgerüttelt

Ihren Kohleofen in der Küche lässt sie mitunter ausgehen, auch wenn das mit noch mehr Arbeit verbunden ist. "Sonst kann ich da nicht vernünftig putzen." Dann wird am frühen Morgen klar Schiff gemacht, geht's mit Anmachholz zur Sache und wird zwischendurch, wenn der Ofen bullert, kräftig abgerüttelt. Selbst die für die Bergarbeiterkolonie so typischen großen Flure macht die Kohle warm. "Und Energie sparen tu' ich auch", sagt Margrit Stiewe. Denn auf dem Ofen steht immer ein Topf mit heißem Wasser. Nicht nur der Luftfeuchtigkeit und des Klimas wegen. "Den Boiler zum Spülen muss ich nicht anwerfen", sagt sie.

Eierkohle

Ganze 23 Euro im Monat betragen ihre Stromkosten. Bei kalten Wintern braucht sie zwei Tonnen Kohle, sonst reichen anderthalb. Für eine Tonne mit Fuhrlohn und Einkellern über die Rutsche zahlt sie 290 Euro. Und schwört auf Extrazit-Eierkohle, die einen höheren Heizwert besitze und weniger Schlacke verursache. Irgendwann will sie sich vielleicht kleiner setzen und nach einem neuen Zuhause gucken, "wenn es denn hier nicht mehr geht." Aber auch das ist eine andere Geschichte.

 

In der Siedlung wird nur noch wenig mit Kohle geheizt. Auf der Schweriner Straße und auf der Funkestraße gibt es jeweils einen weiteren Haushalt. Jörg Dahmer (GeWo) schätzt, dass es unter den 2300 Wohnungen der GeWo noch 100 sein mögen.

 

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