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"Die Sucht kommt schleichend"

CASTROP-RAUXEL „Ich war abgemagert, hatte Konzentrationsprobleme und war nicht arbeitsfähig.“ A. war gerade 29 Jahre alt und extrem medikamentenabhängig. 17 Jahre ist das her. A. hat die Sucht bekämpft, sie erfasst aber heute immer mehr Menschen. RN-Redakteur Peter Wulle sprach mit dem ehemals Suchtkranken.

von Von Peter Wulle

, 11.08.2007

Zwar hat es Jochen Weickert in der Suchtberatungsstelle der Diakonie am Biesenkamp 24 pro Jahr nur mit zwei bis drei Fällen zu tun. „Es gibt aber eine hohe Dunkelziffer“, weiß er.

 „Wenn nicht etwas Schlimmes passiert“, sagt der heute 46-jährige A., „fällt eine Medikamentenabhängigkeit auch gar nicht auf.“ Am Arbeitsplatz mal eine Pillendose herauszuholen, werde viel eher akzeptiert als der Griff nach der Bierflasche. Dabei macht der Dauerkonsum von Schmerz- oder Beruhigungstabletten ungleich schneller abhängig. „Der Stoff baut sich im Körper auf. Er hält sich zwei bis drei Tage im Körper und potenziert sich jeden Tag.“

Bis zu acht Beruhigungspillen am Tag

In seiner schlimmsten Phase schluckte A. acht Beruhigungspillen am Tag. Verordnet, erklärt er, würde höchstens eine pro Tag. Verordnet? „Ja, wir reden über verschreibungspflichtige Medikamente“, antwortet A. Werden Ärzte also zu Dealern, indem sie Patienten immer mehr, immer neue „Happy Pills“ verschreiben? „Nein, nein“, sagen A. und Suchtberater Jochen Weickert gleichzeitig. „Die meisten Ärzte gehen da verantwortlich mit um. Aber was sollen sie machen? Sollen sie den Patienten, der in einer Krise ist, wegschicken und ihn die Pillen am Bahnhof kaufen lassen oder sollen sie mit ihm gemeinsam versuchen, die Dosis wieder zu reduzieren“, fragt Weickert. „Für einen Arzt ist das keine leichte Situation“, weiß A. aus eigener Erfahrung.

Seit 15 Jahren clean

Nach einer zweijährigen Entgiftung und Nachsorgetherapie ist er jetzt seit 15 Jahren clean. Sein Appell: „Am besten ist es, sich das Zeug gar nicht verschreiben zu lassen. Nicht jede Situation braucht eine starke Medikation.“ Es gelte, eine Lebenskrise – in seinem Fall war es der frühe Tod der Freundin – so zu meistern. Ein gesellschaftliches Phänomen allerdings ist es, dass Menschen ein Missbefinden nicht aushalten wollen“, beobachtet Jochen Weickert. Einmal genommen, ist es verführerisch, die Pillen bei Prüfungsängsten wieder zu nehmen. „Die Mittel machen locker“, sagt A. und fügt an: „Die Sucht kommt schleichend.“ 

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