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Gustloff-Untergang: "Ja, so war das"

HABINGHORST Die vielen Kinderleichen im eiskalten Ostseewasser - Charlotte Fischer kommen die Tränen. Ihre Tochter, ihre Ursula war gerade eineinhalb Jahre alt, als die Gustloff sank und das Kleinkind in ihren Armen erfror. Bei dem ZDF-Zweiteiler kamen Charlotte Fischer (85) die Tränen.

von Von Peter Wulle

, 04.03.2008

"So war das. Ja, so war das. Schrecklich!", sagt die heute 85-Jährige immer wieder während der Zweiteiler über die Tragödie des Flüchtlingsschiffs Wilhelm Gustloff im ZDF läuft. Und: "Ich hab das alles erlebt, ich hatte mit dem Leben abgeschlossen." Gemütlich sitzt sie in ihrem Fernsehsessel in einem Mehrfamilienhaus an der Recklinghauser Straße. In dem kleinen Wohnzimmer ist es mollig warm, aber Charlotte Fischer überkommt eine Gänsehaut.

Gerade 22 Jahre alt war das "Lottchen" an jenem 30. Januar 1945. Die Russen standen vor Danzig. Da die Familie jemanden von der Gustloff-Besatzung kannte und so erfahren hatte, dass das Traumschiff der Nationalsozialisten "nach dem Westen" fährt, war die Flucht vor der Roten Armee beschlossene Sache."Auf den Gängen standen die Menschen dicht gedrängt..."

"Auf den Gängen standen die Menschen dicht gedrängt, als wir kurz vor Toreschluss auf das Schiff kamen. Für uns gab es eine Kabine und ich sehe noch, wie meine Mutter aus dem Bullauge guckte und unser Kirchturm von Neufahrwasser langsam verschwand", erzählt die 85-Jährige. "Den werden wir nie wieder sehen", prophezeite die Mutter und stieß in der Familie auf großen Widerspruch. Charlotte Fischer schildert gerade diese Erinnerung als im Film eine Frau sagt: "Auf dem Schiff haben wir nichts mehr zu befürchten." Die betagte Dame unterbricht: "Ja, das haben wir alle gedacht."

Warum gerade sie die größte Katastrophe in der Geschichte der Schifffahrt mit mehr als 9000 Toten überlebt hat, darauf hat Charlotte Fischer keine rechte Antwort. "Ich war noch nicht dran", sagt sie nur.

Wie lange sie in der bitterkalten Nacht in der Ostsee schwamm, kann Charlotte Fischer nicht sagen: "Man hatte kein Zeitgefühl und keinen Gedankengang mehr. Ich weiß nur, dass irgendwann plötzlich vor mir ein Rettungsboot auftauchte.""Das Torpedoboot 36 hatte uns aufgenommen"

Völlig unterkühlt und unter Schock kam Charlotte Fischer schließlich mit wenigen weiteren Überlebenden in einem Ostseehafen bei Lübeck an. "Das Torpedoboot 36 hatte uns aufgenommen. Es schoss einige Wasserbomben auf die Russen. So sind wir die losgeworden", weiß Charlotte Fischer.

Das Geschehene konnte sie lange nicht verarbeiten. "Ich war gar nicht ansprechbar." Jahre dauerte es, bis sie in Castrop-Rauxel endlich ein neues Zuhause fand. Mit ihrem Mann floh sie in den 50-er Jahren aus der DDR und kam hierher. Ihre beiden Söhne sind hier geboren. Einer von ihnen ist Thomas. Er reicht ihr ein Taschentuch, um die Tränen zu trocknen.

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