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Schon ein Lachen sagt alles

Ickern Willkommen. Sagen kann Kathy Wiemann das nicht. Aber ihre beherzt zupackende Hand, ihr Lächeln und ihre zutrauliche Neugier machen schon beim ersten Schritt durch die Tür des Haus Reherlen deutlich: Willkommen. Worte sind vollkommen überflüssig.

23.12.2007

Schon ein Lachen sagt alles

<p>In Schalke-Bettwäsche schläft Kathy Wiemann am besten: Sie ist großer Fan der Gelsenkirchener Mannschaft.</p>

Im Nu steuert die 23-Jährige die Treppen gegenüber des Aufzugs an. Ihr Zimmer liegt im ersten Stock. Die mehrfach behinderte junge Frau geht voran, ihre Hand lässt nicht los. An Kathys Zimmertür weist ihr bunt geschriebener Name das eigene Reich in den Castrop-Rauxeler Wohnstätten für Behinderte aus.

Blau-weiße Vorliebe

Während sie die Tür öffnet, schaut sie sich lachend um. Kathy freut sich, einem Gast ihre vier Wände zu zeigen, um so mehr von sich Preis zu geben. Denn Kathy, die wie alle anderen Bewohner des Haus Reherlen in den Herner Werkstätten arbeitet, hat eine blau-weiße Vorliebe: Die 23-Jährige ist treuer Schalke-Fan, drückt ihrer Elf die Daumen, wann immer es geht und verfolgt die Spiele. Bettwäsche, Poster, Kuscheltiere - hier ist alles blau-weiß.

Gewinnen die Schalker oder hört sie ihr Lieblingslied "Country Roads", ist alles andere Nebensache. Manchmal macht Kathy sogar selbst Musik, in der Musikgruppe des Haus Reherlen, die donnerstags zusammen kommt. Vom Bett greift sich Kathy ihr Handy. Für sie ist es mehr als ein Accessoire. "Eine Verbindung zur Außenwelt - nur ohne Vertrag", übersetzt Wohnstättenleiter Peter Kemming.

Willkommen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs wohnt Jaqueline Becker. Auch die 23-Jährige liebt Musik. Macht und hört sie gern. Neben dem CD-Player liegt eine CD mit ihren Lieblingshits. Schlager, die spielt sie in ihrem rot gehaltenen Zimmer am liebsten. Zu Weihnachten hat sie sich eine neue CD gewünscht - welche, das weiß sie nicht mehr so genau. Aber egal, bis zur Wohnstätten-Weihnachtsfeier muss sie noch abwarten. "Jeder Bewohner hat einen Wunsch frei und darf sich ein Geschenk aussuchen", erklärt Peter Kemming.

Willkommen. "Ich möchte gerne zu meinem Freund ziehen", ist fast das erste, was Verena Grzyb sagt. Kein Wunder, schließlich ist das der größte Wunsch der 39-Jährigen, die ein absoluter Yvonne-Catterfeld-Fan ist. Aber Verena muss sich noch gedulden, noch kann sie nicht alleine leben. "Drei bis vier Jahre sollte ein Bewohner bei uns sein, bevor er ins betreute Wohnen wechseln kann", erklärt Peter Kemming. Schließlich müssen alle erst lernen, selbstständig zu werden, ihren Alltag weitestgehend allein zu meistern und auch hauswirtschaftlich zurecht zu kommen.

Willkommen. Michaela Dickes hat ihr Zimmer mit zwei großen Bildern dekoriert. Das eine zeigt ein Liebespaar, das andere Männer in Unterwäsche. Die Bilder hat die Frau im Rollstuhl selbst ausgesucht, das gibt sie durch lautes Lachen zu verstehen. Wie Kathy kann sie nicht sprechen. Zur Verständigung benutzt Michi - wie sie alle nennen - einen Sprachcomputer. "Der leider oft kaputt war", so Peter Kemming. Zurzeit funktioniert er, aber befestigt ist er an einem zweiten Rollstuhl. Michaela fährt in dem anderen durchs Zimmer, beantwortet Fragen mit Lachen. Je lauter, desto größer die Zustimmung.

Willkommen. Helmut Kromp ist mit seinen 52 Jahren der zweit älteste Bewohner des Hauses. Der Rollstuhlfahrer liegt im Bett - das macht er jeden Nachmittag für ein Stündchen nach der Arbeit. Seine Mutter Ingrid ist zu Besuch. Die beiden gucken Fernsehen, tauschen Neuigkeiten aus. Ingrid Kromp ist 73 Jahre alt, fährt mehrmals in der Woche von Pöppinghausen mit dem Bus nach Ickern, um ihren Sohn zu besuchen. "Ich gehör' fast zum Inventar", scherzt sie. Scherzen, das machen Mutter und Sohn gern. "Quatschenhein" oder "Casanova" neckt sie ihn dann. Als Helmut vor zweieinhalb Jahren ins Haus Reherlen zog, war das für seine Mutter zwar eine große Erleichterung, aber auch eine Umstellung. "Für mich war das schwerer als für ihn. Er war der Erste, der nicht mehr nach Hause wollte", erinnert sich Ingrid Kromp.

Willkommen. Leidenschaftlicher Minigolfer ist Joachim Möbis. Er wohnt im Traingsbereich und teilt sich ein Apartment mit Peter Stahlschmidt. In Joachims Zimmer stehen blitzblank geputzte Pokale auf Regalen. Seit 1986 gehört der 38-Jährige dem neben dem Parkbad Nord beheimateten Minigolf- Verein an. "Im Februar kommt vielleicht noch einer dazu", deutet Joachim auf die Pokale.

Bravo-Portraits

Willkommen. In Tokio-Hotel-Bettwäsche schläft es sich am besten - das findet zumindest Svenja Himmert. Mit ihren 19 Jahren ist die Rollstuhlfahrerin das Küken unter den Bewohnern. Ihr Zimmer hat sie ihrer Lieblingsband gewidmet, an den Wänden hängen unzählige Bravo-Portraits der Bandmitglieder. Zwischen diese Bilder hat sich ein Mannschaftsbild der Schalker geschlichen. Denn Svenja fiebert auch mit den Blau-Weißen. Das weiß auch Kathy, die beim Anblick des Fotos vor Freude lacht.

Hier versteht man sich. Auch ohne große Worte. Julia Grunschel

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