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Cowboy-Drama „Lucky“: Der alte Mann und die Wüste

New York. Ein 90-Jähriger denkt über den Tod nach: „Lucky“ ist das Regiedebüt von John Carroll Lynch - und es fühlt sich doch an wie das Werk eines Altmeisters. In ruhigen Bildern und mit einem fantastischen Hauptdarsteller erzählt er ein Roadmovie, das immer am Platz bleibt.

Cowboy-Drama „Lucky“: Der alte Mann und die Wüste

Lucky (Harry Dean Stanton) ist 90 Jahre alt und muss sich mit dem nahenden Tod auseinandersetzen. Foto: Alamode Film

Morgens zündet sich Lucky als Erstes eine Zigarette an. Erst dann beginnt er mit dem Zähneputzen, dem Kaffeekochen und einem kleinen Sportprogramm daheim. Beim Dehnen und Strecken schlackert die faltige Haut, das Haar ist dünn, aber es wächst schulterlang.

Im Kühlschrank stehen einzig ein Tags zuvor zubereitetes Glas Eiskaffee und drei Milchkartons, im Kleiderschrank hängen drei gleiche Hemden. Lucky ist 90 Jahre alt und lebt allein - was etwas anderes ist, als einsam zu sein, wie er später seinem Arzt erläutern wird. Nach der Morgenroutine tritt er aus seinem dunkel getäfelten Haus nach draußen in die gleißende Sonne, irgendwo in der kargen Wüstenhitze der USA.

Das klingt nach wenig und auch danach passiert in „Lucky“ nicht viel, und doch alles: Er geht ins Café, in die Bar und schaut Gameshows im Fernsehen. Sein Humor ist trocken, aber nie herablassend; wenn er Kreuzworträtsel löst, sagt er nach einer Spitze von Kellner Joe nur: „Wort für Arschloch mit drei Buchstaben, fängt mit J an“. Doch eines Tages hat Lucky einen kleinen Zusammenbruch, bei dem später der Arzt keine Ahnung hat, was er verschreiben soll. „Du bist einfach alt“, sagt er dem Senior. Lucky versteht, dass er sich mit dem nahenden Tod auseinandersetzen muss.

Die Behandlungsszene zeigt die Stärke des charmanten und mit vielen kleinen Gesten durchsetzten Films: Da ist nämlich die Arzthelferin, die kurz die Finger überkreuzt, um Lucky Glück zu wünschen, bevor sie das Behandlungszimmer verlässt. Später ist es die Kellnerin aus Luckys Frühstücksdiner, die ungefragt bei ihm daheim auftaucht, um nach dem Rechten zu schauen. Bevor sie geht, fragt er, ob er ihr ein Geheimnis anvertrauen könne. Sie nickt. „Ich habe Angst“, sagt er, im alten Gesicht die Hilflosigkeit eines kleinen Kindes. Sie blickt ihn nur an und sagt: „Ich weiß“.

Diese kleinen, realistischen Momente und die wunderbaren Landschaftsaufnahmen aus der us-amerikanischen Wüste geben dem Film einen fantastischen Takt, doch auch sonst passt hier einfach alles. Die episodenhafte Erzählweise sorgt für das Gefühl eines Roadmovies, obwohl „Lucky“ immer am Platz bleibt. Das Drehbuch von Logan Sparks und Drago Sumonja tritt niemals gegen die Kleinstadtbevölkerung nach unten. Und Regisseur John Carroll Lynch inszeniert sein Debüt mit der Souveränität eines Altmeisters von der Gewichtsklasse eines Robert Altman.

Doch nichts drückt dieser berührenden Meditation über das Leben und das Sterben so sehr seinen Stempel auf wie die fantastische Leistung Harry Dean Stantons. Über Jahrzehnte hinweg war er auf solche knorrigen Typen abonniert, beispielsweise schon vor 34 Jahren in Wim Wenders' „Paris, Texas“. Auch hier lebt Stanton von der ersten Einstellung an seinen Charakter und versetzt ihm viele Schichten über die üblichen „Hart, aber herzlich“-Klischees des Genres hinweg. Den Publikumserfolg dieser letzten großen Rolle hat Stanton nicht mehr miterlebt. Er starb vergangenen September im Alter von 91 Jahren, zwei Wochen vor dem US-Kinostart.

Lucky, USA 2017, 87 Min., FSK ab 0, von John Carroll Lynch, mit Harry Dean Stanton, David Lynch, Tom Skerritt

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