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Das Büro, die Alienmutter: „Miakro“ von Georg Klein

Berlin. Wenn der Arbeitsalltag das Leben übernimmt, wird das Büro zum Zuhause. Georg Klein inszeniert diese Vorstellung als Fantasy-Roman. In seinem „Miakro“ verlebendigen sich die Räume. Und ein Ausbruch wird für vier Männer zum Abenteuer.

Das Büro, die Alienmutter: „Miakro“ von Georg Klein

Der Schriftsteller Georg Klein. Foto: Sebastian Willnow

Die Räume haben ein Eigenleben. Sie spenden ihren Bewohnern Nahrung, Wasser und Schlafplätze, sie sind Gebärende und zugleich Verschlingende. Das Gebäude, das Georg Klein zum Schauplatz seines neuen Romans „Miakro“ macht, ist ein in sich geschlossener, autarker Kosmos.

Kein natürliches Licht dringt bis tief unter die Erde, eine „blaue Wandlinie“ ersetzt Sonnenlauf und Jahreszeiten.

Es ist eine wabernde Bürowelt, in der Nettler, Guler, Schiller und Axler entindividualisiert Tag für Tag, Nacht für Nacht, Jahr für Jahr verbringen. Dort sind sie ausgebildet worden, dort arbeiten sie. Nun leben und schlafen sie in dem Trakt, das sie das „Mittlere Büro“ nennen. Ihr Essen holen sie zuweilen mit ihren Lippen aus Zitzen, die sich unter den Wänden hervorknoten. Ein Gebäude, das blubbert und nährt - irgendwo zwischen Muttertier und Horrorfilm-Alien.

In „Miakro“ kommen drei Dinge zusammen: die Sterilität eines Bürokomplexes, die Asepsis eines menschlichen Körpers, wie er auf einem Operationstisch liegt, und die Gleichschaltung von Arbeit. Klein schlägt einen kulturhistorischen Bogen von der Antike bis zur Moderne - von Aristoteles' Ameisenstaat zu Science-Fiction-Stoffen aus den Anfängen des Stummfilm-Kinos. Die surreal gestalteten, gesellschaftlichen Verhältnisse dienen dem in Augsburg geborenen Autor als Parabel auf den Büroalltag in der Jetztzeit.

Es sind, wie es einmal in „Miakro“ heißt, „ödblöde Glastage“ für die vier Protagonisten: Sie werden aus ihren Schlafkojen ausgespieen, machen sich in den Nähr- und Waschfluren für ihre Tätigkeit bereit, die darin besteht, Bildern auf einem kristallnen 3-D-Monitor zu folgen. Jeder geht davon aus, „dass der andere immerzu an die Arbeit, an die Handhabung des Glasflusses dachte, so wie man dies selbst tat oder zumindest zu tun glaubte“. Großraumatmosphäre par excellence.

Georg Klein tritt erst spät auf die Literaturbühne. Ende der 1990er Jahre erscheint im Alter von Mitte 40 sein Debütroman. Beim Bachmann-Preis, den er 2000 gewinnt, liest der heute 64-jährige Autor einen Text, in dem er einen Detektiv durch rätselhafte Räume schickt. Schon damals: ein Labyrinth. Und jetzt, in „Miakro“, wieder.

Denn auch hier beginnt eine Reise durch die Bürogänge. Auslöser für den Aufbruch aus dem Büroalltag sind eine kurze, fiebrige Krankheit Nettlers und das Verschwinden eines ehemaligen Kollegen. In den vier Männern entfesselt sich der Drang nach Ausbruch. So machen sie sich auf den Weg aus dem „Mittleren Büro“ hinein ins Ungewisse. Und hier gewinnt der Roman einen Schwung ins Abenteuer: Sie werden verfolgt.

Nach etwa der Hälfte des Textes erweitert Klein die Perspektive: Er führt eine Außenwelt ein. Von dort, wo das „matte Rosa über dem Horizont in ein sattes, rotgeädertes Orange“ umschlägt, begibt sich ein Suchtrupp in das Gebäude, um die Büroangestellten zu finden. In dieser Doppelung zeigt sich: Auch Nettler und seine Kollegen haben eine Vergangenheit, die fernab des Komplexes beginnt. Außen und innen spiegeln sich gegenseitig. Mikro- und Makrowelt morphen ineinander. Die Frage: Was ist das Kleine im Großen - und das Große im Kleinen?

Wie in seinem „Roman unserer Kindheit“ (2010 Preis der Leipziger Buchmesse) mäandert Klein auch diesmal zwischen Fantastik und Realität. Allerdings dreht er die unterkühlte Verfremdung noch einige Umdrehungen weiter. Seine Inspiration in Sachen amorpher Architektur vermag der Autor weder in Bezug auf Bilder noch auf Sprache einzuhegen. So kratzt er zuweilen leider mit überschichteten Satzkonstruktionen und Wortneuschöpfungen etwas zu nah an den Grenzen einfacher Lesbarkeit.

Doch zugegeben: Fantastisch, unheimlich und gespenstisch ist „Miakro“ durchaus. Auch wenn der Erkenntnisgewinn am Ende wohl doch etwas zu sehr leidet. Auch ein utopischer Text darf den Bezug zur Realität eben nicht vollends verlieren.

ZUR PERSON: Der 1953 in Augsburg geborene Autor Georg Klein hat mit seinen Büchern Publikum, Kritiker und Jurys von sich überzeugt. Im Jahr 2000 gewinnt er mit einem Romanausschnitt aus „Barbar Rosa“ den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Für „Roman unserer Kindheit“ wird er 2010 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet - der Text sei surrealistisch, überbordend, virtuos. Dabei schreibt Klein zuvor über Jahre großteils für die Schublade. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Soziologie arbeitet er zunächst unter anderem als Ghostwriter und Sprachlehrer. Lange sucht er vergeblich einen Verlag. 1998 erscheint fast wie aus dem Nichts der Agentenroman „Libidissi“. Das Debüt wird mit dem Brüder-Grimm-Preis ausgezeichnet. Neben diversen Erzählbänden veröffentlicht er die Romane „Die Sonne scheint uns“, „Sünde Güte Blitz“ und „Die Zukunft des Mars“. Klein lebt mit seiner Frau, der Autorin Katrin de Vries, in Ostfriesland. Er hat zwei Söhne.

- Georg Klein: Miakro. Rowohlt, 320 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-498-03410-8.

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