Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Dass Lenja irgendwann das Haus verlassen würde, war ihren Eltern klar. Inzwischen studiert sie in einer anderen Stadt, das Familienleben hat sich verändert - und ist nicht immer einfach.

Schermbeck, Dorsten

, 27.11.2018 / Lesedauer: 5 min

Eine Holztreppe führt ins Obergeschoss des Einfamilienhauses in Schermbeck (Kreis Wesel). An der Wand hängen Fotos der Familie. Oma, Opa, die Eltern, die Kinder. Lenja, so scheint es, hat dort einen Ehrenplatz. Das Bild in dem kunstvollen Rahmen, das die verträumte Studentin (22) zeigt, hängt ein wenig abseits. Wenige Stufen und ein paar Schritte sind es von dort noch zu ihrem Zimmer.

Das Kind verlässt das Haus - was macht das mit den Eltern?

In dem Einfamilienhaus von Tanja und Friedhelm Hülsmann hängen mehrere Fotos ihrer Tochter Lenja, eines auch auf dem Weg zu ihrem Zimmer, vor dem die Eltern stehen. © Stefan Diebäcker

Der Schrank, das Bett, der Schreibtisch - alles noch da. Die Bettwäsche ist zerwühlt. Lenja hatte es offenbar eilig, als sie vor wenigen Tagen über Nacht da war. „Sie kommt selten mittlerweile, sie hat ja so viel zu tun“, sagt ihre Mutter. Tanja Hülsmann (46) klingt stolz, aber auch ein wenig traurig. Typisch Mama eben. „Lenja hat mit ihrer Art immer den Raum erfüllt. Am Frühstückstisch beispielsweise findet jetzt weniger Kommunikation statt“, sagt sie. „Ich hatte immer die Sorge, dass da etwas fehlen wird. Und ja, es fehlt was.“

Lenja fehlt.

Die ältere Tochter von Tanja und Friedhelm (50) Hülsmann studiert in Bonn. „Das ist nicht aus der Welt“, sagt der Vater, der beruflich öfter im Rheinland zu tun hat, beinahe beschwichtigend. Aber doch so weit weg, dass ihre Tochter selten zu Hause ist. „Sie hat sich damals um eine Wohnung beworben, da wusste sie noch nicht einmal, ob sie überhaupt einen Studienplatz bekommt“, erinnert sich Lenjas Vater. Sie hat ihn bekommen, den Studienplatz - und die Einliegerwohnung bei einem älteren Ehepaar auch.

„Sie schafft das alles - alleine“

Die gemeinsamen Stunden sind seitdem selten geworden. Und kostbarer. Ja, da sind die regelmäßigen Telefonate und WhatsApp-Nachrichten. Manchmal kommen die Eltern alleine oder auch zusammen nach Bonn. Sie waren mit ihrer jüngeren Tochter Sophia (17) in Hamburg und München, als Lenja dort ein Praktikum gemacht hat. „Aber es ist trotzdem auch viel Schmerz dabei, weil wir uns weniger sehen“, gibt Tanja Hülsmann zu. „Und Freude natürlich, weil man auf der anderen Seite mitbekommt, was sie in dem kurzen Zeitraum schon alles geschafft hat. Alleine.“

Das Kind verlässt das Haus - was macht das mit den Eltern?

Wiedersehen in Hamburg: Tanja und Friedhelm Hülsmann mit ihren Töchtern Lenja (r.) und Sophia. © privat

Wenn die Kinder flügge werden, bekommen viele Eltern Probleme. Emotionale, aber manchmal auch gesundheitliche. Schlaflosigkeit, Unruhe, schlimmstenfalls sogar Depressionen können die Folge sein. Experten nennen das „Empty-Nest-Syndrom“. Beate Borgmann drückt es anders aus: „Das sind in der Regel unangenehme Gefühle. Traurigkeit, Einsamkeit, Leere, vielleicht auch das Gefühl, überflüssig zu sein und sich zu fragen: Wofür bin ich eigentlich noch gut? Was mache ich noch aus, wenn ich nicht mehr als Mutter oder Vater so sehr gefragt bin?“

Beate Borgmann ist die Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatung in Dorsten, Träger ist das Bistum Münster. Sie bestätigt, dass es in ihren Beratungsgesprächen „sehr häufig“ um die Zeit geht, wenn sich Kinder ablösen. „Das ist immer auch belastend für die Paarbeziehung. Dann suchen Menschen Begleitung, weil sie sich neu orientieren wollen in ihrer Beziehung oder auch für sich persönlich.“

Das vollständige Interview mit Beate Borgmann lesen Sie hier:

Jetzt lesen

Die Ehe von Tanja und Friedhelm Hülsmann ist auch nach mehr als 22 Jahren in Takt, sagen sie. Und sie haben früh gelernt, loszulassen, denn „Lenja war immer sehr zielstrebig“. Freunde treffen, in die Sauna gehen, Moped fahren - die Zeit nehmen sie sich nun gerne. „Das hat weniger damit zu tun, dass Lenja aus dem Haus ist, sondern einfach mit dem Alter unserer Töchter“, findet Friedhelm Hülsmann.

Der erste Sommerurlaub ohne Kinder

Irgendwann spielen die Eltern halt nicht mehr die erste Geige. Als Ratgeber sind sie vielleicht noch gefragt, als Aufpasser sicherlich nicht. Auch Sophia ist in diesem Sommer zum ersten Mal nicht mit ihren Eltern im Urlaub gewesen. „Wir sind dann mit dem Fahrrad um den Bodensee gefahren, das macht man ja mit kleinen Kindern eher nicht“, sagt Friedhelm Hülsmann schmunzelnd. „Und die größeren haben dazu keine Lust.“

Das Kind verlässt das Haus - was macht das mit den Eltern?

Tanja und Friedhelm Hülsmann haben sich immer die Zeit für gemeinsame Kurzreisen genommen. In diesem Jahr haben sie zum ersten Mal Sommerurlaub ganz ohne Kinder gemacht. © privat

Kurzreisen indes und Städtetrips haben die Eltern schon früher auch mal ohne Kinder gemacht. Lenja und Sophia waren dann bei den Großeltern, die zum Glück nicht weit weg wohnen. Auch das beschäftigt Tanja Hülsmann. „Es hat schon Vorteile, wenn die Familie in der Nähe ist. Ob das bei unseren Töchtern mal so sein wird, weiß ich nicht.“ Was sie aber weiß: „Wenn Sophia in zwei Jahren zum Studium möglicherweise nach Holland geht, muss ich mir noch eine Beschäftigung suchen. Sonst werde ich verrückt“, ahnt sie.

„Unser Haus ist nicht zu groß“

Den Zeitpunkt, wenn die Kinder das Haus verlassen, hatte das Ehepaar schon im Hinterkopf, als es das Haus gebaut hat. Es ist nicht unbedingt altengerecht, aber eben auch nicht übergroß. „Wir können hier gut zu zweit leben“, meint Friedhelm Hülsmann. „Ein Kinderzimmer wird zum Gästezimmer, für das andere wird meine Frau schon eine Verwendung finden.“ So wie für den Garten, in dem früher mal der ein oder andere Kindergeburtstag gefeiert wurde.

Ihren 22. Geburtstag hat Lenja im August in München gefeiert, weil sie dort ein Praktikum gemacht hat. Zum Geburtstag ihrer Mutter war sie nicht zu Hause, zum Geburtstag ihres Opas auch nicht. „Bei solchem Anlässen merkt man immer sehr deutlich, dass sich etwas verändert hat“, sagt Tanja Hülsmann. Weihnachten muss gut geplant werden, weil sie als Krankenschwester zeitweise Dienst haben wird. „Lenja ist da sehr vorausschauend, sie will aber auch den Eltern ihres Freundes gerecht werden.“

Das Kind verlässt das Haus - was macht das mit den Eltern?

Lenja ist zu Hause allgegenwärtig, vor allem auf Bildern. Der Beziehung ihrer Eltern hat das nicht geschadet. Friedhelm und Tanja Hülsmann haben sich darauf vorbereitet, ihre ältere Tochter nicht mehr so oft zu sehen. © Stefan Diebäcker

Vielleicht reicht die Zeit für einen gemeinsamen Kaminabend, so wie ihn Tanja und Friedhelm Hülsmann inzwischen meist zu zweit haben. Sie blicken dann auf das Klavier, auf dem Lenja früher gerne gespielt hat, schauen sich gelegentlich ein paar Fotos an. „Da denkt man daran, wie es früher war, als beide Kinder noch kleiner und im Haus waren“, meinen die Eltern. Als der Vater zum Beispiel abends „Petterson und Findus“ vorgelesen hat, immer im Wechsel. Einen Abend bei Lenja, einen bei Sophia.

Manchmal ertappt Friedhelm Hülsmann sich bei dem Gedanken, dass es auch etwas Positives hat, wenn die Kinder nicht mehr ständig da sind. „Man fährt zur Arbeit und findet abends alles genauso vor, wie es war, als man morgens das Haus verlassen hat.“

Aber ein bisschen fehlt ihm das Chaos auch.

Buchtipp: „Ausgeflogen - Wie Sie es sich im leeren Nest wieder gemütlich machen“ von Felicitas Römer. Ein humorvoller Ratgeber, in dem es auch darum geht, wie Eltern diese Lebensphase souverän meistern und neue Perspektiven entwickeln können. ISBN: 978-3-8436-0147-4. Preis. 14,90 Euro. Ratgeber: Das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München erklärt auf seiner Homepage das „Empty-Nest-Syndrom“ und gibt Lösungsansätze.
Lesen Sie jetzt