Nachbarschafts-Forscher: „Die Adresse wird immer mehr zur Visitenkarte“

mlzGute Nachbarschaft

Was heißt gute Nachbarschaft für den vernetzten Menschen? Soziologe Sebastian Kurtenbach (31) von der Fachhochschule in Münster über Streitanlässe, Nachbarschaft als Wohlfühlblase und den Effekt des Wohnorts auf Tinder-Dates.

MÜNSTER

, 27.11.2018, 10:00 Uhr / Lesedauer: 6 min

Sebastian Kurtenbach hat sich bereits in verschiedenen Forschungsprojekten dem Thema Nachbarschaft gewidmet. Er lebt selbst in einem Mehrfamilienhaus in Ostwestfalen.

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Die häufigsten Streitanlässe unter Nachbarn

Technischer Fortschritt verändert auch die Nachbarschaft

Zusammen Feiern und gemeinsame Ziele werden wichtiger

Wohlfühlblase und Erlebnisort

Herr Kurtenbach, wie gut kennen Sie Ihre Nachbarn?

Wir haben unter uns im Haus einen Laden, dessen Inhaber ich gut kenne. Und die Nachbarn über uns haben vor kurzem, genau wie wir, ein Kind bekommen. Dadurch haben wir wirklich viel Kontakt. Die anderen zwei Parteien im Haus kenne ich nur vom Grüßen im Hausflur. Wir haben also nahezu alles an nachbarschaftlichem Kontakt, den man sich so vorstellen kann.

Das klingt, als wären Sie ganz zufrieden mit Ihren Nachbarn.

Ja, absolut.

Nachbarschafts-Forscher: „Die Adresse wird immer mehr zur Visitenkarte“

Der Soziologe Sebastian Kurtenbach sieht digitales Vernetzen unter Nachbarn nicht unkritisch. © Privat

Die häufigsten Streitanlässe unter Nachbarn

Damit gehören Sie laut einer Umfrage zur Mehrheit in NRW. Hier sind 90 Prozent der Menschen zufrieden mit ihren Nachbarn. Aber was heißt das eigentlich?

Man darf sich nicht eingeschränkt oder gestört fühlen. Wenn Nachbarn sehr nett sind im Umgang, aber die ganze Zeit laut, können die „netten Nachbarn“ auch anstrengend sein. Das ist das eine. Das andere ist Vertrauen. Dem Nachbarn den eigenen Schlüssel anzuvertrauen zu können ist so ein Beispiel. Wenn man das kann, dann fühlt man sich auch wohl. Genau das Gegenteil ist der Fall, wenn man sich gestört fühlt oder wenn man meint, dass man den Nachbarn nicht trauen kann. Hinzu kommen Streitanlässe unter Nachbarn. Die häufigsten sind dabei Lärm, der Garten und Parkplätze.

Ist es dafür egal, ob man in der Mietwohnung oder im Eigenheim lebt?

Es gibt ganz klare Unterschiede im Bezug auf Nachbarschaftsstreitigkeiten. Viele haben in Mietshäusern gar keinen Garten. Da ist es dann eher das Grillen auf dem Balkon. Ansonsten ist der Ast au dem Garten vom Nachbarn, der über dem Zaun hängt, ein ganz typischer Streitpunkt. Parkplatznot ist auch nicht überall ein Thema, aber zum Beispiel in Münster im Uni-Viertel oder in Dortmund im Kreuzviertel. Auch Lärm ist bei weit auseinanderstehenden Häusern kein Problem. Es kommt also auch auf die bauliche Struktur einer Nachbarschaft an, worüber man sich streitet.

Würden Sie sagen, da, wo man enger zusammenwohnt, kennt man sich auch besser?
Es muss eine Art der Übersichtlichkeit sein, dann kommt es häufiger zu nachbarschaftlichem Kontakt. Für Leute in Vier-Parteien-Häusern ist ihre Nachbarschaft übersichtlich. Ich habe für ein Forschungsprojekt für einige Monate in Köln-Chorweiler gewohnt, in einem Mietshaus mit rund 90 Wohnungen. Da wird es dann unübersichtlich. Zudem wir wissen auch, dass Eigentümern ihre Nachbarschaft viel wichtiger ist als Menschen in Mietwohnungen. Sie haben sich auch dafür entschieden, lange dort zu bleiben und investieren dann auch mehr in ihre Nachbarschaft. Damit meine ich nicht nur Geld, welches sie in ihr Haus investieren, sondern auch soziale Investitionen in die Nachbarschaft. Man will sich ja schließlich wohlfühlen.

Aus einem Eigenheim kann man auch schlechter spontan wegziehen.

In Deutschland, ja. In den USA oder den Niederlanden ist die Umzugshäufigkeit von Eigentümern höher. Das ist etwas sehr Deutsches, zu denken, das ist mein Eigenheim und da ziehe ich nie wieder weg. Das liegt auch an der Struktur des Wohnungsmarktes in anderen Ländern.

Technischer Fortschritt verändert auch die Nachbarschaft

Gab es früher größeren nachbarschaftlichen Zusammenhalt als heute?

Es gab früher vor allem eine stärkere nachbarschaftliche Abhängigkeit. Das Wort Nachbar kommt aus dem Mittelhochdeutschen „naher Bauer“. Das legt nahe, dass man sich gegenseitig bei der Ernte geholfen hat, weil man sie sonst nicht hätte einbringen können. Das war nachbarschaftliche Pflicht. Dieses Abhängigkeitsverhältnis wurde in der Industrialisierung aufgelöst. In der Zeit hat sich Nachbarschaft auf den großstädtischen Kontext übertragen und daran angepasst. Am Anfang, als es noch kein elektrisches Licht gab, haben sich die Arbeiterfamilien vor den Mietskasernen getroffen, weil es dort draußen Gaslaternen gab. Dort haben sie miteinander geklönt. Mit dem technischen Fortschritt hat es sich immer stärker verändert.

In Zeiten globaler Vernetzung – wie wichtig ist da noch der Nachbar?

Wir sehen in den letzten Jahren ein Revival der Nachbarschaft. Das hat damit zu tun, dass Nachbarschaft ein Identitätsanker ist. Aus zwei Gründen: Einmal gibt es eine Aufkündigung sozialer Sicherheiten, alles erscheint komplexer und schnelllebiger, man hat zum Beispiel immer seltener ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Das andere ist, dass es eine immer stärkere soziale Spaltung in den Städten gibt. Damit wird die Adresse wird immer mehr zur Visitenkarte. Mit der Adresse kaufe ich mir nicht nur die schicke Altbauwohnung oder das schöne Einfamilienhaus, sondern auch soziale Opportunitäten – also Leute um mich herum, die ähnlich leben wie ich. Man kann sich so gegenseitig bestätigen und unterstützen. Dabei spielen auch soziale Medien eine zunehmende Rolle in der Nachbarschaft. Die Gefahr, die ich dabei sehe, ist, dass durch Digitalisierung nur spezifische Gruppen – nämlich die, die sowieso schon hohes soziales Kapital haben und miteinander vernetzt sind, sich zusätzlich miteinander vernetzen. Darauf gibt es erste Hinweise.

Das heißt, man bleibt auch in seiner digitalen Blase unter sich?

Ich habe Daten zu den Stadtteilen in Köln und Berlin von einer digitale Nachbarschaftsplattform ausgewertet. In Köln sehen wir einen Zusammenhang zwischen sozialer und digitaler Segregation, in Berlin nicht. Das kann damit zusammenhängen, dass in Berlin der Einfluss dieser Nachbarschaftsplattform schon wesentlich stärker in der Masse vorhanden ist als in Köln. Dort wurde sie vor allem in Stadtteilen genutzt, in denen viele Digital Natives, wie Studierende, leben. Daneben ist es sowohl in Köln als auch in Berlin so, dass die reichsten Stadtteile die Plattform eher zurückhaltend nutzen. Genau wie die allerärmsten Stadtteile. Warum das so ist, das prüfe ich im Moment, um das besser zu verstehen. Es gibt einen ersten Hinweis darauf, dass die soziale Ungleichheit in den Städten sich auch im digitalen Raum fortsetzt.

Wir haben in einem anderen Projekt männliche Gewalttäter in hochriskanten Stadtteilen aus dem Ruhrgebiet und Berlin interviewt. Dabei ging es erstmal nicht um Digitalisierung. Rausgekommen ist aber unter anderen, dass wenn sie zum Beispiel die Dating-App Tinder benutzen, geben sie nicht an, woher sie kommen. Der Grund ist, dass sie dann weniger Chancen haben, in Kontakt mit Frauen im gleichen Alter zu treten, weil diese dann Angst vor jemandem haben könnten, der zum Beispiel aus Duisburg-Marxloh kommt.

Nachbarschafts-Forscher: „Die Adresse wird immer mehr zur Visitenkarte“

Digitale Nachbarschaftsplattformen expandieren auf dem deutschen Markt. © Nextdoor

Anlässe und gemeinsame Ziele werden wichtiger

Nutzen eher junge Menschen die digitalen Nachbarschaftsplattformen? Und die Älteren klingeln dann doch lieber in der Realität an?

Das kann man so nicht sagen. Was wir herausgefunden haben, ist, dass es an Haushaltsstrukturen liegt. Da, wo viele Ein-Personen-Haushalte sind, wird es viel genutzt. Das trifft auch immer mehr auf Alte zu. Dort wo relativ junge Leute, zwischen 18 und 21, leben, wird es wenig genutzt. Es fängt offenbar erst mit Mitte, Ende 20, Anfang 30 an. Zumindest zeigen uns das die Daten auf der Ebene der Stadtteile. Das sind Haushalte in einer ganz anderen Lebensphase. Sie wollen eine Familie gründen, sind gerade eben mit dem Studium fertig oder für einen neuen Job in eine fremde Stadt gezogen. Die wollen Fuß fassen und ihre Nachbarn kennenlernen. Da helfen digitale Medien wie nebenan.de, Heimat zu finden.

Sie könnten doch auch beim Nachbarn klingeln.

Wenn man in Studien Leute, auch ältere, befragt, ob sie ihrem Nachbarn Eier borgen würden, ist die Antwort zwar ja, aber verbunden mit der Aussage, der andere hätte ja auch besser planen können. Solche Zeiten, wenn es sie überhaupt so jemals gegeben hat, sind in der Regel vorbei. Man braucht heute eher Anlässe und gemeinsame Ziele, um mit den Nachbarn in Kontakt zu treten. Daraus kann sich später das Pläuschen am Gartenzaun entwickeln.

Dabei gibt es auch häufig den Vorwurf an die jüngere Generation: Warum tut ihr das denn nicht? Dabei ist zu sagen, dass Ältere das auch nicht tun. Auch 50-Jährige klingeln nicht beim neuen Nachbarn und sagen, schön, dass Sie eingezogen sind, hier haben Sie Brot und Salz. Dabei wird immer das Sterben der guten alten Nachbarschaft beschworen, gleichzeitig sehen wir auch die Geburt einer neuen Nachbarschaft.

Wohlfühlblase und Erlebnisort

Was ist die neue Nachbarschaft?

Das ist ein abstraktes Vertrauen in die Nachbarschaft. Ich muss mich wohlfühlen, den Raum ein Stück weit als Erlebnisort konsumieren können, als Ort, wo ich mich gerne aufhalte. Selbst wenn ich nicht mit so vielen Leuten persönlich Kontakt habe, es muss eine Wohlfühlblase werden. Dabei scheint es Menschen immer wichtiger zu sein, dass man ein Milieu findet, das einem selbst sehr nahe ist. Dann kommt es auch zu selbst ausgewählten Kontakten. Und man braucht Anlässe wie zum Beispiel Nachbarschaftsfeste. Der Anlass nachbarschaftlichen Kontakts ist heute nicht mehr, dass mir das Mehl ausgegangen ist, sondern vielleicht das gemeinsame Grillen.

Begegnungsorte im öffentlichen Raum: Aufgabe für Städteplaner

Können Städte etwas dafür tun, dass sich Nachbarschaft gut entwickelt und sich weniger Konfliktpotenziale ergeben? In der Dortmunder Nordstadt zum Beispiel treffen ganz verschiedene Milieus aufeinander.

Das will man doch eigentlich – Begegnung schaffen im öffentlichen Raum. Das ist doch das, was man unter Urbanität fasst und toll findet. Einerseits – und andererseits führt es auch zu Konflikten, wie wir zum Beispiel in der Nordstadt sehen. Konflikte alleine sind also noch nichts Schlimmes, solange sie produktiv für das Zusammenleben genutzt werden können.

Was die Planung angeht – ich glaube, wir sollten die Ergebnisse ernst nehmen, die wir haben. So etwas wie Schimmel außen und innen an den Wänden an großen Mietshäusern zum Beispiel hat einen Einfluss darauf, wie ich den Raum wahrnehme, und auch, ob ich ihn als bedrohlich empfinde. Darauf sollte man achten. Wir sollen Angsträume abbauen sowie Verweilorte schaffen. Beispielsweise sind Spielplätze ganz wunderbare Orte der Gemeinschaft für Familien aus dem Stadtteil. Es sollten Räume geschaffen werden, wo Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen zusammenfinden können, aber nicht müssen. Wichtig ist, auf ein ordentliches bauliches Erscheinungsbild zu achten. Im Moment haben wir das Credo bauen, bauen, bauen. Das ist auch richtig, aber auf der anderen Seite darf es nicht zulasten des Bestandes gehen und das schließt neben dem baulichen Aspekt auch den sozialen ein. Daher ist es auch eine gute Idee, dass man so etwas wie Nachbarschaftsfeste auf die Beine stellt.

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