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Diskussionen über WM-Boykott - Drohungen mit stumpfer Waffe

Berlin. Das schwierige Verhältnis zwischen Russland und dem Westen sorgt für Diskussionen über einen Boykott der Fußball-WM. Große Angst müssen Russland und die FIFA aber wohl nicht haben.

Diskussionen über WM-Boykott - Drohungen mit stumpfer Waffe

Schiebt einem deutschen WM-Boykott einen Riegel vor: DFB-Präsident Reinhard Grindel. Foto: Roland Weihrauch

Es ist ein sehr abstraktes Gedankenspiel, so ein tiefgreifender Boykott zur Fußball-WM. Das wichtigste Turnier ohne Deutschland, Frankreich und Spanien?

Für die FIFA ein Horrorszenario. Riesige finanzielle Einbußen, ein gewaltiger Imageverlust, Ärger mit Sponsoren - die Auswirkungen für den Weltverband wären immens. Aber ist ein solches Szenario wirklich zu befürchten? Wohl kaum.

Selbst Großbritannien, aufgrund des mysteriösen Giftanschlags auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal auf Konfrontationskurs mit WM-Gastgeber Russland, ist von einem Boykott der Mannschaft bei dem Turnier im Sommer weit entfernt. Zwar werden weder Regierungsvertreter noch Mitglieder des britischen Königshauses zur WM reisen. Das Team von Trainer Gareth Southgate aber ist nach aktuellem Stand dabei. Er bereite sein Team jedenfalls darauf vor, sagte Southgate. „Und mehr ist nicht meine Aufgabe.“

Auch darüber hinaus drohen dem WM-Gastgeber und der FIFA wohl keine sportlichen Konsequenzen aus dem zerrütteten Verhältnis des Westens mit Russland. Frankreich und Deutschland hatten zwar zuletzt Großbritannien im Streit um den Giftangriff den Rücken gestärkt. Ein offizieller WM-Boykott soll darauf aber nicht folgen, wie sowohl Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als auch Innen- und Sportminister Horst Seehofer (CSU) klar machten.

„Politische Probleme muss die Politik lösen und nicht der Sport“, sagte Seehofer kürzlich der „Bild“-Zeitung. Wie das Ministerium zudem mitteilte, sei ein möglicher Boykott eine autonome Entscheidung des Sports, der Innenminister könnte eine Teilnahme der deutschen Mannschaft also nicht verbieten, selbst wenn er es wollte.

Dabei gäbe es genug Gründe, der heftig umstrittenen Sport-Großmacht entschiedener entgegen zu treten. Sportlich wirft der Dopingskandal noch immer ein schlechtes Licht auf Russland, deren Sportler bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang nur unter neutraler Flagge zugelassen waren. Hinzu kommen die politischen Spannungen mit dem Westen durch Putins Vorgehen in der Ost-Ukraine seit März 2014, den Syrienkrieg, in dem russische Truppen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad unterstützen, sowie zuletzt der Fall Skripal.

„Der DFB setzt auf Dialog und nicht Boykott. Brücken zwischen den Menschen müssen die Kriege der Mächtigen überwinden“, sagte Reinhard Grindel, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), zuletzt zu den Boykott-Spekulationen. Eine solche Aktion ändere nichts, „vielmehr haben die Spiele in Südkorea aktuell gezeigt, dass Sport deeskalierend und völkerverbindend wirken kann“, meinte Grindel.

In Frankreich ist ein Fernbleiben von der WM bislang kein Thema. In Dänemark haben zwar einzelne Politiker einen Boykott gefordert, konkrete Anzeichen, dass die Regierung oder das Königshaus dem folgt, gibt es aber nicht. Die isländische Regierung, die ihre Mannschaft zum ersten Mal bei einer Fußball-WM bejubeln könnte, erwägt laut isländischem Rundfunk RUV, sich dem Boykott der Briten anzuschließen. Auch hier geht es aber nur um die Politiker, nicht die Mannschaft.

Auch in Australien, Japan und Polen wird über einen Boykott der Politiker diskutiert. Aber würde es Russlands Präsident Wladimir Putin überhaupt treffen, wenn etwa der isländische Präsident Guðni Th. Jóhannesson nicht auf der Tribüne und auf Fotos zu sehen wäre?

Entsprechend entspannt ist die russische Seite trotz aller Protest-Drohungen. Über Sanktionen gegen die WM sei schon seit der Vergabe 2010 spekuliert worden, hieß es in einem Kommentar bei der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Nowosti. „Doch die jetzigen Boykottaufrufe der britischen Regierung sind nur der letzte und ziemlich verzweifelte Schritt in diesem Drama, das sich hinzieht.“

Bedrohlich dürften die Spekulationen und vorsichtigen Androhungen für Putin und FIFA-Chef Infantino also nicht klingen. Bereits beim Confed Cup hatten die beiden die große Bühne gesucht, Infantino fiel vor allem als unkritischer Freund der Gastgeber auf. „Wenn ein problematisches Turnier so aussieht, will ich viele problematische Turniere, weil es ein großer Erfolg war“, sagte Infantino damals.

Auch die aktuellen Äußerungen der FIFA sprechen nicht dafür, dass sich an dieser Darstellung im Sommer 2018 viel ändern wird. „Die FIFA und das lokale Organisationskomitee haben volles Vertrauen, dass alle 32 Teilnehmer und Fußballfans aus der ganzen Welt das Turnier zu einer unvergesslichen Veranstaltung machen werden“, hieß es zuletzt.

Ob sich FIFA und russische Regierung über zu wenige westliche Politiker auf den Tribünen ärgern würden? Schwer vorstellbar. Putin hat ohnehin kein gutes Image mehr im Westen, das der FIFA ist ebenfalls ausbaufähig. Schon bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 feierte Putin vor allem mit vielen Gästen aus Ländern, die Menschrechtler als Diktaturen oder Halbdiktaturen anprangern. Ernsthaft geschadet hat ihm das nicht.

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