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Der beinharte Weg

Dorsten Was ist das Unangenehmste beim Radfahren? Regen, Kälte, Steigungen, viel Verkehr? Jedes für sich ist unangenehm, aber am schlimmsten ist der Gegenwind! Gegenwind zermürbt!

24.08.2007

Vor allem dann, wenn er so stark ist, dass man selbst bei Abfahrten kämpfen muss, um voran zu kommen.

Wenn man wie ich von Dorsten zu einer langen Radtour Richtung Santiago de Compostela von der eigenen Haustür aus mit dem Rad startet, sollte einem bewusst sein: Der Pilgerweg ist kein Schönwetter-Ausflug, sondern ein Abenteuer, auf das man sich uneingeschränkt einlassen muss.

Überwältigend

Das Erlebnis, ein selbst gestecktes Ziel aus eigener Kraft zu erreichen, ist überwältigend. Umso mehr, als Santiago an der Nordwest-Spitze Spaniens ein Ziel ist, das die Menschen seit Jahrhunderten fasziniert. Nach der Überlieferung wurden die Gebeine des heiligen Jakobus an die Grenze der (damals bekannten) Welt gebracht. Auf dem Pilgerweg soll der Pilger damals wie heute Distanz zum Alltag nehmen, seine persönlichen Grenzen erfahren und spüren "Die Erde trägt dich!"

Der Entschluss, den Pilgerweg mit dem Fahrrad zu unternehmen, stand schon lange fest und ließ sich in diesen Sommerferien endlich verwirklichen. Fünf Wochen bis zum gebuchten Rückflugtermin für die 3000-km-Strecke, das bedeutete ein Pensum von ca. 100 km am Tag, um noch Reserven für Unvorhergesehenes zu haben. Trotz genauestem Kartenstudium und der Lektüre zahlreicher Radreiseführer erforderte diese Fahrt ein hohes Maß an Improvisation, um auf wechselnde Situationen angemessen reagieren zu können.

Ausgestattet mit einem stabilen Trekking-Rad, 25 kg Gepäck und der Lebenserfahrung von 52 Jahren startete ich also am 21. Juni in Holsterhausen.

Konzentration

Die Konzentration auf das Ich und meine Kondition wuchsen, je weiter ich mich von der Heimat entfernte. Nach dem Übergang über die Vogesen führte der Weg durch die Kulturlandschaften Lothringens und Burgunds. Der Besuch der Gemeinschaft von Taizé vertiefte den religiösen Aspekt. Der Körper stellte sich diesen Herausforderungen klaglos. Mein Fahrrad musste dagegen mehr leiden. Ein Rahmenbruch an der Hinterradschwinge ausgerechnet am Wochenende in der französischen Provinz, so dass keine Werkstatt erreichbar war, stellte schon ein ernstes Problem dar. Einige Tage später musste ich das Vorderrad austauschen, da die Nabe gebrochen war.

Die Sonne und für Juli angemessene Temperaturen stellten sich erst am Übergang über die Pyrenäen ein. Ab St.-Jean-Pied-de-Port wurde der Pilgerstrom auf dem "Camino frances" durch die wechselnden Landschaften Nordspaniens immer dichter, um kurz vor dem Ziel seinen Höhepunkt zu erreichen. Ebenfalls bereichernd war die Besichtigung pulsierender Städte und interessanter Kirchen und Klöster (vor allem Burgos, Leon, Astorga), bei denen ich immer auf Gleichgestimmte traf. Natürlich bin ich auch der Tradition gefolgt und habe auf dem "Dach der Tour", dem Cruz de Ferro (1500 m), einen Stein abgelegt, als Symbol für den ganzen Ballast, den man als Pilger hinter sich lässt.

Höhepunkt

Der Höhepunkt war aber ohne Zweifel die Ankunft in Santiago de Compostela. Es war Feiertag, Volksfest, Hunderte bevölkerten den imposanten Platz vor der Kathedrale. Trachten- und Musikgruppen verbreiteten eine heitere und gelöste Atmosphäre, die durch ihre Volkstümlichkeit bestach. Der Besuch der Pilgermesse, wie jeden Tag um 12 Uhr mittags, vermittelte ein starkes Gefühl der Verbundenheit mit den vielen Pilgern, die die große Kathedrale bis auf den letzten Platz füllten.

Martin Fleckenstein

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