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Die Entwicklung des "Habiflex" zum traurigen Schandfleck

Inge Kasner und Gerd Schynol

Der einzige Grund, warum das "Habiflex" bisher nicht abgerissen wurde, sind unklare Eigentumsverhältnisse. Von den meisten Bürgern wird dieses Gebäude aber nur noch als Schandfleck betrachtet. Doch das war nicht immer so, wie sich Inge Kasner und Gerd Schynol lebhaft erinnern.

WULFEN-BARKENBERG

von Von Sabine Bornemann

, 02.11.2011

Heute ist das „Habiflex“ an der Jägerstraße bekannt als Symbol für ein gescheitertes Bauprojekt. Inzwischen wurde es zugemauert und darf nicht mehr bewohnt werden. Nur ungeklärte Eigentumsverhältnisse verhindern den Abriss dieses Schandflecks. Aber das war nicht immer so! Für die erste Hausgemeinschaft in dem 40 Wohnungen umfassenden Block der Architekten Clement und Gottlob hatte dieses Gebäude einen ganz besonderen Reiz. Inge Kasner und Gerd Schynol wohnen heute gegenüber. Sie erzählt: „Ich habe in Bochum studiert und wohnte noch bei meinen Eltern. 1979 machte mich ein Spiegel-Artikel auf das Habiflex aufmerksam - da wollte ich gerne drin wohnen!

Einige Zeit später konnten wir uns hier eine Wohnung anschauen: Das war alles ganz weit und unkonventionell, nicht quadratisch. Da gab es so viele Gestaltungsmöglichkeiten. Wir waren hin und weg! Innerhalb von 14 Tagen sind wir eingezogen!“ Das Haus wirkte in mehrfacher Hinsicht eigentümlich: Die 40 Parteien gruppierten sich mit versetzten Eingangstüren um einen Lichthof. Lange Flure gab es nicht. Im Erdgeschoss waren Garagen und oben gab es zweigeschossige Penthäuser. Dahinter steckte die Vorstellung von einem Mehrgenerationenhaus, mit getrennten Wohnungen für Eltern und Kinder, aber mit direkter Treppenverbindung zueinander. Fenster und Türen waren ganz aus Glas und hatten abgerundete Metallrahmen wie auf einem Schiff. Sie reichten bis auf den Boden hinunter und der Architekt legte auch Wert darauf, dass sie bestenfalls mit Vorhängen, aber nicht richtig mit Platten verschlossen wurden. Gerd Schynol: „Das Haus hat sich seine Bewohner selber ausgesucht. Ein paar Mal sind Leute schon nach einer Woche wieder ausgezogen, weil sie dieses Gläserne, wo man immer beguckt werden konnte, nicht ausgehalten haben. Für die anderen, die geblieben sind, war das eher toll. Man hat mitgekriegt, wenn es dem Nachbarn schlecht ging und sich umeinander gekümmert. Kontakt aufzunehmen war ganz leicht.“

Außenstehende haben das Gebäude manchmal gar nicht als Wohnhaus erkannt. Die damalige Hausmeisterin Inge Hollstein erzählt: „Plötzlich standen wildfremde Leute in meiner Wohnung, setzen sich an meine Küchentheke und wollten einen Kaffee bestellen. Meine Haustür war offen und das haben die als Einladung aufgefasst – wie in einem Café.“ Die Decken in den Wohnungen hatten eine Wabenstruktur, wo man an beliebiger Stelle mit Metallwinkeln eine Holzwand einhängen konnte. Wurde ein Baby geboren, fragte man die Nachbarn, ob sie noch ein paar Wände übrig haben – und schon war das Kinderzimmer fertig. Die Ideen, die in diesem Gebäude steckten, waren attraktiv für junge Leute, zumal die Mieten dank der Sozialbindung sehr günstig ausfielen. Aber leider sind schon bei der Herstellung der Fertigbauteile so viele Fehler gemacht worden, dass das Habiflex von vornherein dem Untergang geweiht war. Es mangelte auch an fachkundiger Bauaufsicht. Wäre dieses Konzept solide realisiert worden, würden Inge Kasner und Gerd Schynol wahrscheinlich heute noch drin wohnen.

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