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Modell in der Modellstadt

Dr. Hans-Udo Schneider

In den 1960er-Jahren befand sich die Evangelische Kirche im Umbruch. Die traditionellen Inhalte des Theologiestudiums wurden als nicht mehr hinreichend kritisiert.

von Von Sabine Bornemann

, 06.11.2011

Auch Erkenntnisse anderer Wissenschaften, z.B. der Pädagogik und der Psychologie, sollten einbezogen werden, um die gesellschaftlichen Anforderungen zu meistern. Pastor Bernhard Korn beschreibt es so: „Das Evangelium wurde als Ermutigung zum sozialen und politischen Engagement erlebt und die Gemeinde als Ort der Vermittlung verstanden – für Hilfe und Gemeinschaft, gemeinwesenorientiert, ökumenisch und immer sehr musikalisch!“ Vor diesem Hintergrund hat die Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen 1968 beschlossen, neue „sachlich, zeitlich und örtlich begrenzte Modelle des kirchlichen Dienstes“ freizugeben. 1973 wurde der in Deutschland einmalige Versuch „Gruppenpfarramt Wulfen“ gestartet. Neben dem Theologen wurde ein Psychologe und bald darauf auch ein Pädagoge angestellt, die im Team arbeiten sollten. Dr. Hans-Udo Schneider war von 1973 bis 1993 der erste Psychologe im Gruppenpfarramt.

Er wohnte in Alt-Wulfen. Im Rahmen seiner seelsorgerischen Arbeit führte er in Barkenberg eine psycho-soziale Beratungsstelle an drei Tagen in der Woche im früheren Gemeindebüro an der Talaue ein: „Das war ein Wartezimmer wie beim Arzt. Die Leute kamen mit jeder Art von Problemen und wir als Kirche waren offen dafür. Wir haben zusammen mit dem Informationszentrum der Entwicklungsgesellschaft Wulfen das Wachsen der neuen Stadt begleitet. Wir waren Anlaufstelle und Gesprächspartner.“ In der Pädagogenstelle gab es seit 1974 drei Wechsel: Klaus Beck, Reinhold Gerhard und zuletzt Frank Maibaum (1979-2002). Diese wohnten in Lembeck, was damals noch zur Gemeinde Wulfen gehörte. Schwerpunkte waren Kindergottesdienste, kirchlicher Unterricht und die Jugendarbeit, später im Zusammenspiel mit dem Rottmannshof. Der dritte im Bunde war Theologe Bernhard Korn (1969-1996). Er wohnte in Barkenberg und war zuständig für Verkündigung, Glaubensfragen, Ökumene und Kirchenmusik in Zusammenarbeit mit Christoph Hillnhütter. Korn, Karl Ludwig Höpker und Superintendent Balthasar von Bremen waren die geistigen Väter des Gruppenpfarramts. Nach 20 Jahren wechselte Hans-Udo Schneider ins Industrie- und Sozialpfarramt des Kirchenkreises. Die Psychologin Edith Damm übernahm seine Funktion.

Zwei Visitationen der Landeskirche bestätigten, dass das Gruppenpfarramt erfolgreich lief, aber trotzdem wollte man das Modell nicht auf andere Orte übertragen. Die vielen überzähligen Theologen mit garantiertem Stellenanspruch hätten mit den anderen Fakultäten um die wenigen Pfarrstellen konkurrieren müssen. 1996 wurde verfügt, dass die Pädagogen und Psychologen theologische Nachprüfungen machen müssen, um eine ordentliche Pfarrstelle zu besetzen. Mit dieser Regelung hat die Landeskirche das Gruppenpfarramt praktisch selbst ausgehebelt. Nach dem frühen Tod von Edith Damm 2001 wurde kein Psychologe mehr eingestellt. Ein gelungenes Experiment wurde begraben.

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