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Schamlos! Was wir verlieren, wenn alles erlaubt ist

Vortrag

DORSTEN Wolfgang Hantel-Quitmann fand am Donnerstagabend im Alten Rathaus deutliche Worte, als er sein Buch „Schamlos! Was wir verlieren, wenn alles erlaubt ist“ vorstellte. Unter anderem ging er mit der Stadt Hamburg hart ins Gericht.

von Von Werner Wenig

, 30.04.2010
Schamlos! Was wir verlieren, wenn alles erlaubt ist

Professor Wolfgang Hantel-Quitmann stellte im Alten Rathaus sein Buch »Schamlos! Was wir verlieren, wenn alles erlaubt ist« vor.

Doch als Wolfgang Hantel-Quitmann, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Hamburg und Buchautor, am Donnerstagabend im Alten Rathaus seinen Vortrag über „Das Fehlen der Scham“ begann, lobte er erst einmal Dorsten. „Ich bin zum ersten Mal hier. Die Stadt hat eine mediterrane Ausstrahlung, es ist wie in der Toskana“, verkündete er. Doch schnell kam er zum Thema und zur Vorstellung seines Buches „Schamlos! Was wir verlieren, wenn alles erlaubt ist.“ Als Beispiel nannte er die aktuelle Finanzkrise.

„Ich habe erwartet, dass sich die verantwortlichen Banker entschuldigen, aber sie taten es nicht“ Dies ist für ihn ein Zeichen der Schamlosigkeit und des damit einhergehenden Werteverfalls, der überall in der Gesellschaft zu beobachten ist. „Die Bedeutung der Scham für das menschliche Zusammenleben ist etwas sehr wesentliches. Der Kern der Schamlosigkeit ist der Narzissmus.“ Für ihn ist Scham zuerst etwas privates, obwohl er auch Beispiele aus dem öffentlichen Leben nannte. „Eine Stadt wie Hamburg baut für viele Millionen Euro eine Philharmonie und erhöht dann ohne Scham die Kita-Gebühren.“

In diesem Zusammenhang strich er besonders die soziale Funktion der Scham heraus, wobei es zentrale Elemente der modernen Schamlosigkeit gibt. Sichtbare Folge ist der Wertemangel der Postmoderne, die zunehmende Geringschätzung von menschlichen Gefühlen und die Ersetzung ethischer Werte durch individuelle Werte.   Die Scham entsteht bereits im Kindesalter, aber der Mensch lernt nie aus, da er im Laufe des Lebens mit immer neuen Typen der Scham konfrontiert wird. Sie kann hervorgerufen werden durch alltägliche Dinge wie Verwechslung eines Namens, durch die Erfahrung eigener Inkompetenz, durch Angst vor sozialem Ausschluss oder durch Angst und Misstrauen.

Schlimmer noch ist die Existentielle Scham, die etwa im Zusammenhang mit einer Behinderung auftreten kann, oder sogar die Traumatische Scham, die Missbrauchsopfer hindern kann, sich gegen ihren Peiniger zu wenden. Zum Schluss gab er den Zuhörern ein Wort von Nietzsche mit auf den Weg: „Handele stets so, dass du deinen Mitmenschen nicht beschämst.“ Franz-Josef Stevens, der den Vortrag moderierte, äußerte den Wunsch, „Wege zu finden, die Scham als Tugend wieder zu entdecken.“