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100 junge Patienten täglich in der Praxis

Kinderarztpraxen in Dortmund überlastet

Zehn Stunden Dienst am Tag und mehr, 100 kleine Patienten müssen in dieser Zeit versorgt werden – die Kinderarztpraxen in Dortmund sind überlastet und stehen kurz vor dem Kollaps.

Dortmund

, 14.03.2018
100 junge Patienten täglich in der Praxis

Für Eltern, die in Dortmund einen Arzt suchen, klingt das wie Hohn. Denn wer nicht schon im Patientenbestand einer Kinderarztpraxis ist, kommt oft wegen Überlastung nicht mehr rein. © dpa

Es gebe Kollegen, sagt Dr. Sigurd Milde, die würden nur noch durch ihre Praxen kriechen. Sie hörten aber nicht auf, weil sie ihre Patienten nicht im Stich lassen wollten.

Aufhören – das könnte der frühere Sprecher von Dortmunds Kinderärzten längst selbst. Milde ist 68, unterhält seine Praxis seit 1989 in Scharnhorst und war vorher neun Jahre in diversen Kinderkliniken tätig. Dienstags und donnerstags arbeitet er durch, donnerstags gleich bis 18 Uhr, aber früher kommt er auch an anderen Tagen nicht aus dem Behandlungszimmer. Vergangenen Mittwoch, wenn Ärzte ihren halben Arbeitstag haben, wollten 60 junge Patienten von ihm versorgt werden.

Jeder zehnte Kinderarzt ist zwischen 65 und 69 Jahre alt

Die anhaltende Infektionswelle, gepaart mit deutlich mehr chronischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen wie ADHS und psychischen Problemen, dazu ein schwieriger werdendes soziales Umfeld, treffen auf die Arbeitskraft von 44 niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten in Dortmund. Von ihnen ist fast jeder Zehnte zwischen 65 und 69 Jahre alt und sogar knapp sieben Prozent sind bereits über 70 Jahre alt.

Statt mit Entlastung, rechnet Sigurd Milde noch mit einer Verschärfung der Situation: Dortmund wächst, die Einwohnerzahlen sind längst auf über 600.000 gestiegen, doch für die Berechnung der Arztsitze werden Zahlen von Landesstatistikern zugrunde gelegt, die in der Regel überholt sind. Danach lebten 2016 in Dortmund 92.995 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Nach Vorgaben aus Berlin soll vor Ort ein Kinderarzt auf 3527 Kinder kommen. Bei 44 Kinder- und Jugendärzten ergibt sich somit sogar eine „Überversorgung“ von 136,5 Prozent.

Maximal Geschwisterkinder werden noch aufgenommen

Von dieser Überversorgung merken Eltern gerade in diesen Erkältungstagen rein gar nichts, wenn sie mit ihrem hustenden und schniefenden Nachwuchs drei Stunden im Wartezimmer sitzen oder gar nicht erst angenommen werden, weil Ärzte wegen Überlastung maximal noch Geschwisterkinder in ihrer Patientenkartei aufnehmen.

„Wenn die Infektwelle aufhört, haben Sie die Praxis voll sitzen von Kindern, die bei der Einschulung auffällig wurden“, sagt Sigurd Milde. Den Eltern könne man aber kaum erklären, dass der Förderbedarf nicht sofort zu verordnen sei, sondern nur über die sogenannte Heilmittelverordnung. Das dauere. Im Sozialpädiatrischen Zentrum an der Kinderklinik betrügen die Wartezeiten bereits mindestens ein halbes Jahr.

Kinderärzte fallen nicht vom Himmel

2019 soll es eine allgemeine Reform bei der Bedarfsplanung geben, so Vanessa Pudlo, Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Nur: Mehr Kinderärzte fallen nicht vom Himmel. 70 Prozent der Medizinstudenten seien Frauen und die wünschten sich später oft nur eine halbe Stelle, um in die Familienplanung zu gehen, sagt Kinderarzt Milde. Er appelliert an die Politik zur besseren Weichenstellung für die Arztausbildung. Es müsse dringend etwas am Nummerus clausus geändert werden.

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Selbst wenn sich genügend Kinderärzte neu niederlassen wollten, gibt es Probleme: „Die Kollegen gehen dann gerne nach Kirchhörde und nicht nach Scharnhorst und schon gar nicht in die Krimstraße nördlich des Bahnhofs“, so Milde. Ein schwieriges soziales Umfeld wirke wenig verlockend auf potenzielle Praxisübernehmer.

Nicht nur Kinder aus schwierigem sozialen Umfeld leiden zunehmend an Verhaltensauffälligkeiten. Für Dr. Milde ist dies kein Wunder, wenn Eltern sich zu wenig mit ihrem Nachwuchs beschäftigten und ihn lieber vor dem I-Pad parkten: „Ich kann jede Woche neue Kinderbücher anschaffen, das Einzige, was Kinder damit können, ist sie zu zerpflücken.“

Der Notdienst ist nicht für Schnupfen da Auch der zentrale Notdienst für Kinder- und Jugendmedizin an der Kinderklinik des Klinikums ist überlastet in den Zeiten geschlossener Arztpraxen, wie zum Beispiel am Wochenende. Nur Notfälle werden behandelt, Tel. 95321700.
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