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Angst in Scharnhorst-Ost

DORTMUND Für den Mann gab‘s kein Durchkommen. Da half auch kein freundliches Bitten. Die Gruppe von rund 30 betrunkenen, aggressiven jungen Männern, Aussiedler aus Osteuropa, stellte sich seinem Auto in den Weg.

von Von Gaby Kolle

, 05.10.2007

„Schlipsträger, verpiss dich“, grölte einer durch die geöffnete Fensterscheibe. Der Mann, der seinen Sohn im Wagen hatte, machte lieber die Biege, gab Gas und fuhr einen Umweg. Die „russische Straßensperre“ ist kein Einzelfall abends und nachts auf der „Droote“, der Einkaufsmeile in der Hochhaussiedlung Scharnhorst-Ost. Immer wieder schikanieren dort vorwiegend junge Deutsche aus Russland und Polen Autofahrer und Anwohner, wenn die Dunkelheit hereingebrochen ist. Vor allem am Wochenende pöbeln sie, zugeschüttet mit Wodka, gegen Passanten.

Die wechseln, soweit möglich, die Straßenseite. Frauen meiden nach Einbruch der Dämmerung die Droote. Menschen, die abends aus den Bussen oder der Stadtbahnlinie 42 steigen, die als Hochbahn durch Scharnhorst-Ost fährt, haben oft Angst auf dem Weg nach Hause. Wodkaflaschen fliegen gegen Hauswände oder Fensterscheiben. Vandalismusschäden sind an der Tagesordnung.

Das Problem kennen alle in Scharnhorst-Ost, doch nur wenige reden drüber. Und dann meist hinter vorgehaltener Hand („Meinen Namen lassen Sie aber da raus“). Wie der Polizeibeamte, der die Droote als „Demarkationslinie“ zum ländlichen Grevel bezeichnet. Viele Menschen fühlen sich hier diffus bedroht, manche real. „Das Weggucken bei Problemen aus Angst vor Repressalien“ haben auch Wissenschaftler der Fachhochschule Münster in der Trabantenstadt beobachtet. Sie begleiteten für das Jugendamt die Aufstellung eines Handlungskonzepts zur „Integration russischethnischer Migrantenjugendlicher“.

In den ehemaligen Sowjetstaaten wie Kasachstan waren die Kinder der sonst sehr anpassungswilligen Aussiedler die „Scheißdeutschen“, hier sind sie die „Scheißrussen“, mit begrenzten Sprachkenntnissen, mit wenig Chancen auf eine Lehrstelle oder Arbeit, frustriert, latent alkoholabhängig und gewaltbereit – und das in einem ohnehin schwierigen Umfeld. Sozialer Sprengstoff. „In 20 Jahren ist sowieso alles russisch hier“, schleudern sie den Autofahrern entgegen.

Die Politik vor Ort ist nicht länger gewillt, die Belästigungen und Bedrohungen, den Vandalismus und die öffentlichen Wodka-Gelage hinzunehmen. Sie fordert eine härtere Gangart der Polizei, weitere pädagogische Konzepte und mehr Mittel für die Integration.

  

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