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Die ICH-Gesellschaft

11.12.2007

Die ICH-Gesellschaft

Die Schlagzeilen des Jahres schrecken auf. Wie krank ist unsere Gesellschaft inzwischen?

Eine Mutter, die alle drei Kinder umgebracht hat, eine Kokain-schnupfende OB-Mitarbeiterin, weitere Verwaltungs-Mitarbeiter, die des Betrugs und der Veruntreuung verdächtigt werden, die Ehefrau eines Ratsherren in einem zweifelhaften Etablissement fotografiert, offenbar Sado-Maso-praktizierende Betriebsräte, Familien, in denen der Nachwuchs zwischen Müll aufwächst und ein Junge, der sich sieben lange Jahre drangsalieren ließ von einer Bande.

Aufschreckend

Sind diese aufschreckenden Vorkommnisse, darunter immerhin schwere Straftaten, allesamt schlechte Beispiele für Grenzüberschreitungen? Und warum kommt es immer öfter dazu? RN-Redakteurin Ulrike Böhm-Heffels sprach mit dem Dortmunder Psychiater Joachim Thimm (Foto).

Hallo Herr Thimm, Sie lesen auch Zeitung. Was steckt hinter dieser besorgniserregenden Entwicklung in unserer Gesellschaft?

Joachim Thimm: Ich, ich, ich ist meine Erklärung für das Phänomen.

Das heißt, Egoismus wird immer konsequenter ausgelebt?

Joachim Thimm: Wir haben eine narzisstische Gesellschaft. Und Narzissten nehmen ihr Wohl und nicht das Gemeinwohl wahr.

Was allerdings die Sexualität der Gesellschaft anbelangt, sind die Grenzen fließend. Sado-Maso gibt's sicherlich solange wie die Menschheit. Und während Homosexualität noch vor wenigen Jahrzehnten als "abartig" galt, ist sie längst von der Gesellschaft als eine durchaus normal vorkommende Veranlagung akzeptiert.

Wie stellt sich Narzissmus im ganz normalen Alltag dar?

Joachim Thimm: Wir müssen uns selbst verwirklichen. Um jeden Preis. Sendungen wie "Deutschland sucht den Superstar" passen exakt in dieses Schema.

Gibt es auch gute Seiten am Narzissmus?

Joachim Thimm: Narzissmus ist nicht grundsätzlich böse. Er ist auch Triebfeder für den eigenen Erfolg. Den beruflichen zum Beispiel.

Man darf also getrost davon ausgehen, dass alle Politiker Narzissten sind?

Joachim Thimm (lacht): Ja, vermutlich nicht wenige.

Sie selbst erwähnten, dass Narzissmus, also die übersteigerte Selbstverliebtheit, nicht auf der Krankheitsliste der Weltgesundheitsorganisation vorkommt.

Joachim Thimm (lacht wieder): Na, jetzt raten sie mal, welche Herren diese Liste erstellen? Nein, im Ernst: Wenn eine Gesellschaft beginnt, an sich selber zu leiden, ab da beginnt die Störung. In diesem Fall dann nicht die persönliche, sondern kollektive.

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