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Die Last an einer seltsamen Lust

DORTMUND Am 4. März vor 20 Jahren traf sich zum ersten Mal eine Handvoll Männer zur Gründung einer neuen Selbsthilfegruppe. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich war das Gruppenthema: Exhibitionismus. Es kommen Menschen zusammen, die wegen ihres exhibitionistischen Tuns unter Druck geraten sind und gesellschaftlich geächtet.

von Von Ulrike Böhm-Heffels

, 04.03.2008
Die Last an einer seltsamen Lust

Monika Hecking von der Selbsthilfe, Rechtsanwalt Reinald Imig und Dr. Ulrike Ullrich vom Gesundheitsamt (v. links) wissen den Nutzen von Selbsthilfe zu schätzen.

Er hätte bei Biolek sitzen können und bei Jauch. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gab ihm 1989 den Namen Alfred Esser. Der Mann lebt unerkannt, blieb bei dem Pseudonym, führt ein Doppelleben, ist Exhibitionist.

"Meine Frau weiß es"

Vor 20 Jahren gründete Esser, verheiratet („meine Frau weiß es“), die bislang einzige Selbsthilfegruppe in Deutschland für Menschen, die unter der sexuellen Lust am Zeigen leiden, frei nach dem Motto: Er macht nichts, er will nur spielen. „Wir wollen nicht erschrecken“, wehrt sich Esser, der wie viele andere Betroffene ein vollkommen bürgerliches Leben führt. Aber ihn ärgert eine gewisse Ungleichbehandlung vor dem Gesetz: „Nach wie vor wird der männliche Exhibitionismus in unserem Land geächtet und kriminalisiert (Paragraph 183). Weiblicher Exhibitionismus dagegen wird in unserem Land nicht nur geduldet, sondern oftmals von männlicher Seite erwünscht.“

Freiheitsstrafe

Mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe können Exhibitionisten belangt werden, klärt Rechtsanwalt Reinald Imig auf, für gewöhnlich zur Bewährung ausgesetzt und verbunden mit Auflagen. Imig: „Die Selbsthilfegruppe von Herrn Esser ist als Therapiemöglichkeit von den Gerichten anerkannt worden.“ Mit 15 Jahren hatte Esser zum ersten Mal Jugendarrest bekommen. Inzwischen liegen zahllose Therapien hinter ihm, darunter auch eine neunmonatige stationäre: „Es gibt keine geeigneten Therapieplätze und keine geeigneten Therapeuten“, lautet heute sein ernüchterndes Urteil.

Suchtverhalten

Dr. Ulrike Ullrich ist als Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Gesundheitsamt von Anfang an in die Arbeit mit Exhibitionisten involviert gewesen. Die erfahrene Ärztin spricht von einem „nicht stoffgebundenen Suchtverhalten“. Betroffen seien Männer mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten aus allen sozialen Schichten. Ihnen gleich sei bei dieser Zeigelust, so ihre Erfahrung, der tiefer liegende Wunsch, gelobt zu werden. Die Ursache hierfür läge im Frühkindlichen verborgen. Ullrich: „Die Männer müssen über Therapien lernen, anders für sich zu sorgen.“

Große Angst und Scham

Betroffene leiden unter ihrer großen Angst und Scham, über die sexuelle Neigung zu sprechen. In der Selbsthilfegruppe können sie dies. Monika Hecking bekommt als Mitarbeiterin der Kontakt-und Informationsstelle für Selbsthilfe Anfragen aus ganz Deutschland. Ein Appell bleibt an diese Männer, die von der Norm abweichen: „Angsträume, z. B. Tunnelunterführungen, unbedingt vermeiden“, so Dr. Ullrich.

 

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