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Fan-Sicherheit: BVB verstärkt Stadiontribüne

Rhythmisches Hüpfen

Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund investiert eine halbe Million Euro in die Sicherheit seiner Fans. Teile der Südtribüne – die größte Stehplatztribüne in Europa – werden im nächsten Frühjahr verstärkt. Der Grund: die rhythmisch hüpfenden Fans im Stadion.

DORTMUND

05.11.2011
Fan-Sicherheit: BVB verstärkt Stadiontribüne

Fanjubel im Dortmunder Stadion: Rhythmisches Hüpfen kann die Tribüne zum Schwingen bringen.

Das Springen im Takt geschieht immer koordinierter, haben Experten festgestellt. Ein Bochumer Ingenieur befürchtet, dass Tribünen dem nicht standhalten könnten. „Beim Hüpfen wirken viel größere Kräfte als nur durch das Eigengewicht“, erklärt Michael Kasperski, Ingenieurwissenschaftler der Ruhr-Universität. Ein 80-Kilo-Fan würde, wenn er springt, etwa mit 300 Kilo auf die Tribüne einwirken. Macht das ein ganzer Fanblock synchron, wirken viele Tonnen auf die Konstruktion. In Nürnberg regnete es 2005 schon einmal Betonteile auf die Anhänger im Unterrang.

Christian Hockenjos, Direktor Organisation beim BVB, betont: „Wir beobachten das Verhalten der Fans und wollen die Tribüne vorsorglich weiter verstärken.“ Der Präventivgedanke stehe dabei im Mittelpunkt. „Zusammenbrechen kann die Tribüne natürlich nicht“, so Hockenjos. Der wissenschaftliche Schlüssel beim Hüpfen der Fans ist die Frequenz, durch die sich die Tribüne aufschaukelt. „Hüpfen die Fans im Takt und werden immer schneller, durchlaufen sie viele Frequenzen“, erklärt Kasperski. Bei jedem Spiel würden sie besser, die Wahrscheinlichkeit, die sogenannte – und für die Stabilität der Tribüne letztendlich gefährliche – Eigenfrequenz zu treffen, sei entsprechend vorhanden.

Gemessen wird die Frequenz in Hertz. Tribünenelemente mit einer Frequenz unter drei Hertz sind nach Aussagen von Kasperski hochgefährdet. Bis sechs Hertz bewege man sich im mittleren Bereich. Kasperski: „Sechs bis neun Hertz sind kein Problem.“ Er fordert eine einheitliche Norm vom Deutschen Fußballverband. „Ohne so eine Regelung ist es gefährlich.“ Der zuständige Ingenieur Wolfgang Meier-Barenhoff sagt, dass die Eigenfrequenz der Konstruktionen für das Dortmunder Stadion bei über fünf Hertz – also im sicheren mittleren Bereich – liege und jetzt auf neun bis zehn ausgebaut wird. In der Schalker Veltins-Arena wird nicht nachgelegt. Frequenz hier: Sieben Hertz und mehr, sagt Schalkes Tragwerksplaner Manfred Klawonn.

Bei ausverkauftem Stadion jubeln auf der Südtribüne im Signal Iduna Park offiziell 24.454 Fans. „Gesprungen sind die früher auch schon, aber nicht so koordiniert“, sagt Meier-Barenhoff. Hüpfende Fans, in der Statiker-Sprache „dynamische Faktoren“, habe Borussia Dortmund schon früh aufgegriffen und das Stadion kontinuierlich verstärkt. „Durch die zusätzlichen Stützen wird die Konstruktion versteift. Das Schwingen ist dann weniger zu spüren“, erklärt Christian Hockenjos, Direktor Organisation bei Borussia Dortmund. Michael Kasperski, Ingenieur an der Ruhr-Universität Bochum sieht die Planungen mit Wohlwollen. Sein Fachgebiet ist die Zuverlässigkeit von Tragwerken. „Bevor es tatsächlich zum Einsturz kommt, fangen die Tribünen an, zu schwingen“, sagt der Wissenschaftler. Das müssen sie bis zu einem gewissen Grad, damit die Konstruktion hält. Aber der Zuschauer dürfe das kaum merken. „Sonst bekommen einzelne Personen Angst. Im Extremfall stürzen sie sogar“, so Kasperski. Dadurch könne ein Dominoeffekt entstehen, der die Fans gegen die Wellenbrecher drückt. In einem ausverkauften Stadion könne das zu einer Massenpanik führen. Entsprechende Schwingungsdämpfer, um das Aufschaukeln zu verhindern, seien in den Tribünen selten verbaut.

„Ich glaube nicht, dass in Dortmund größere Schwingungen möglich sind“, sagt Meier-Barenhoff. Auch Tragwerksplaner Manfred Klawonn, der mit der Planung der Arena auf Schalke beauftragt war, sagt: „Die Stadionbauer haben das Problem im Blick.“ Es gebe genügend Literatur und man könne die entsprechenden Werte ausrechnen. Klawonn: „Das ist kein Hexenwerk.“ Und wenn es mal wippe, sei das kein Grund zur Panik. „Das tut es in jedem Stadion.“

Dennoch fordert Kasperksi, dass alle Stadien mit einheitlichen Methoden untersucht und gegebenenfalls aufgerüstet werden. In den Richtlinien des Deutschen Fußballbundes zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesligaspielen heißt es, dass „eine Platzanlage grundsätzlich nur dann für die Austragung von Bundesspielen genutzt werden darf, wenn sie in baulicher und technischer Hinsicht den Sicherheitserfordernissen entspricht“. Auf die Tragfähigkeit der Tribünen wird jedoch nicht explizit eingegangen. Eine Norm, die das regelt, gibt es weder national noch international. Andere Länder hätten das Problem weniger im Blick, bemängelt Kasperski: „Ein Kollege in Dänemark behauptet, dass Fans im Sitzplatzbereich nicht hüpfen.“ Die Realität bewiese das Gegenteil.

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