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Hinsehen? Wohin?

Vom Vater wurde sie bereits als Kleinkind verprügelt, ungezählte Mal im Krankenhaus zusammengeflickt. Von der Mutter verachtet und gedemütigt. Vom Stiefvater, dem sie vertraute und von dem sie sich Familienglück erhoffte, wurde sie jahrelang missbraucht.

01.01.2008

Hinsehen? Wohin?

<p>. . . denn nicht jedes missbrauchte Kind malt kleine Pimmelchen auf." Menne</p>

Dass Christine Birkhoff heute ein glückliches Familienleben führt, grenzt an ein Wunder. Geholfen hat der 42-Jährigen eine Therapie, die sie erst mit fast 31 Jahren begann. "Das war knapp", sagt sie, "die Wahrscheinlichkeit, mich von einem Zug überfahren zu lassen, war größer."

1,4 Mio. Kinder bis 14 Jahre teilen in der Bundesrepublik ihr Schicksal - eine Zahl aus dem Bundesfamilienministerium vom Jahr 2000. Und es werden nicht weniger geworden sein, vermutet Christine Birkhoff. Allein in Dortmund wurden von Januar bis November dieses Jahres 83 sexuell missbrauchte und 24 misshandelte Kinder bei der Polizei angezeigt. Die Dunkelziffer ist Experten zufolge 400 Mal so hoch, sagt Christine Birkhoff.

Was passiert mit diesen Opfern?, fragt die Dortmunderin. Wann hört das Opfersein auf? Laut Statistik mit der Volljährigkeit. Doch das Leiden geht weiter. Oftmals auch für die nächste Generation, wenn die Opfer eine eigene Familie gründen, alte Wunde wieder aufbrechen. Posttraumatische Belastungsstörungen heißt der medizinische Fachbegriff.

Ein Teufelskreis, aus dem nur eine Therapie heraus hilft, weiß Christine Birkhoff. Therapie als generationenübergreifende Prävention. Das Übel an der Wurzel bekämpfen. Das ist ihr Ansatz im Kampf gegen die Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern. "Was wäre mir erspart geblieben, wenn meine eigene Mutter sich hätte therapieren lassen? Was hätte ich meiner Tochter angetan, wenn ich keine Therapie gemacht hätte?"

Wenn man selbst mit dem eigenen Überleben zu tun habe, bleibe für das Kind nur emotionale Kälte und das Gefühl, innerlich abzusterben. "Der Schmerz aus tiefster Vergangenheit hat mich fast zerrissen." Die bisherigen Versuche zur Vorbeugung hält Christine Birkhoff für schwach. "Was heißt Prävention?", fragt sie provokant. Zwangsuntersuchungen der Kinder? "Wie soll ein Kinderarzt zweifelsfrei bestimmen, ob ein Kind gewaltsam verletzt wurde, so lange es Tischkanten und Türrahmen gibt? Das ist enorm schwierig." Man müsse Kinderärzte zwar weiterbilden, aber man könne ihnen nicht die Aufgabe ermittelnder Beamter oder gar Gutachter zuweisen.

Auch dem TV-Slogan vom Bundesgesundheitsministerium mit Götz George "Nicht wegschauen - hinsehen" kann Christine Birkhoff nichts abgewinnen. "Wohin sehen?", fragt sie. Opfer sind als Opfer nicht zu erkennen. "Das sehe ich niemandem an. Und nicht jedes missbrauchte Kind malt kleine Pimmelchen auf." Sie selbst hätte schon aus Angst als Kind niemals etwas von ihrem Martyrium preisgegeben. Trotz totaler Ausweglosigkeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Opfer sich anderen anvertraue, liege bei zwei bis fünf Prozent, schätzt Christine Birkhoff: "Die Eltern sind die Götter im Kinderzimmer. Zu sehen bekommen wir doch nur das, was Vater und Mutter nicht mehr vertuschen können. Die restlichen 99 Prozent fallen durchs Raster."

Was bleibt also? Christine Birkhoff hat kein Patentrezept. Doch sie ist sicher: Opfer müssen sich zu erkennen geben. "Wenn man Opfer nicht wahrnimmt, wie soll man ihnen dann helfen?" Noch immer sei es ein Tabu, als Kind misshandelt oder missbraucht worden zu sein. "Das müssen wir niederreißen. Wir müssen sagen: redet! Hätten sich Homosexuelle oder Aidskranke nicht in einer breiten Bewegung geoutet, wüssten Öffentlichkeit und Politik bis heute nicht, wie viele von ihnen es gibt, wie ihre Bedürfnisse aussehen oder wie Prävention angegangen werden muss."

Und Christine Birkhoff weiß, dass es viele Opfer gibt, als Betroffene und aus ihrer Zeit als Polizistin. Auf die Hilfe der Behörden, auch auf die des Jugendamtes, zählt sie nicht. Sie habe so viele Einsatzberichte und Strafanzeigen geschrieben. "Ohne Erfolg."

Wo sollen die Opfer hingehen? Der Kinderschutzbund, der auch einen Kreis speziell für Mütter, die wie Christine Birkhoff Opfer wurden, eingerichtet hat, kann sich nicht um alle kümmern.

"Wir müssen diese Angebote besser unterstützen", fordert sie engagiert, "wir brauchen Krisenintervention und Krisentelefone mit einer für alle zugänglichen Nummer. Jede Kommune müsse Fachtherapeuten als Krisenhelfer bereit stellen, "die sich zur Not auch ins Auto setzen und hinfahren".

Wer den Mut habe, zum Kinderschutzbund zu gehen und dort eingestehe, seinem Kind Leid angetan zu haben, müsse die Möglichkeit bekommen, wieder stark zu werden, sagt Christine Birkhoff. "Wir müssen unsere Kinder stark machen, und das geht nur, wenn wir starke Eltern haben."

Sie selbst glaubte immer, stark zu sein. Beruflich erfolgreich, attraktiv und nach außen hin selbstbewusst. Bis zu ihrem Zusammenbruch mit 30 Jahren. Heute ist sie stark. Christine Birkhoff - der Name ist ein Pseudonym - hat den langen Weg aus der Hölle ihrer Kindheit in einem Buch aufgeschrieben, das mittlerweile in die dritte Auflage geht. Sie hat's geschafft und kämpft jetzt für andere. Gaby Kolle

Christine Birkhoff: Ein falscher Traum von Liebe, erschienen bei Bastei-Lübbe.

Hinsehen? Wohin?

Christine Birkhoff: "Opfer sind als Opfer nicht zu erkennen. "

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