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Interview mit einem Ex-Revolutionär

12.10.2007

Bis zur Wiedervereinigung war Dortmund eine Hochburg der westdeutschen Kommunisten. Auch die Jugendzeitschrift "Elan" der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) hatte hier ihren Sitz. Adrian Geiges war dort bis 1989 Redakteur, zuvor absolvierte er eine Lehre beim Dortmunder Plattenverlag "pläne". Heute arbeitet der 47-Jährige als Korrespondent der Zeitschrift "stern" in Peking. Über seine Entwicklung zum Berufsrevolutionär und die Abkehr vom Kommunismus schrieb er das Buch "Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann", das er zurzeit auf der Frankfurter Buchmesse vorstellt. RN-Redakteurin Katrin Pinetzki sprach mit ihm.

Warum jetzt eine Biografie über Ihr Leben?

Geiges: Es gibt an die 30 Bücher über die Geschichte der RAF, aber kein einziges, das sich mit dem westdeutschen Kommunismus, dem Innenleben der DKP, auseinander setzt. Auch das ist ein Stück deutsche, gerade Dortmunder Geschichte. Die Zeit dafür ist reif, und ich habe das Gefühl, dass das Interesse wächst. In den Jahren nach der Wende wollte niemand etwas darüber wissen, auch ich nicht. Heute habe ich die nötige Distanz.

Welche Erinnerungen haben Sie an Dortmund?

Geiges: Die Elan-Redaktion saß am Asselner Hellweg, ich wohnte in der Nordstadt, in der Kielstraße. Abends gingen wir oft und lange in eine Kneipe am Nordmarkt, wie hieß die noch gleich ...

Das "Comma"? Das gibt es inzwischen nicht mehr ...

Geiges: Ja, genau! Dortmund war damals von Hoesch und Stahl geprägt, ich erinnere mich an eine kumpelige Atmosphäre, man bekam leicht Kontakt. Wichtige Orte waren noch die Westfalenhallen, wo wir von der SDAJ, der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend, das "Festival der Jugend" organisierten, und die Gesamtschule Scharnhorst, wo sich 1989 der SDAJ-Bundeskongress in Reformer und Hardliner spaltete. Als Gorbi an die Macht kam, gab es eine harte Auseinandersetzungen in der kommunistischen Weltbewegung, die uns auch in Dortmund traf - bis hinein in die Beziehungen.

Haben Sie noch Kontakt zu den alten Mitstreitern?

Geiges: Zu jenen, die sich wie ich vom Kommunismus losgesagt haben, ja. Während der Recherche für das Buch habe ich auch in Dortmund mit einigen gesprochen. Viele Reporter-Kollegen sind bei anderen Medien untergekommen, haben kleine Unternehmen gegründet oder arbeiten bei Konzertagenturen - durch das Festival der Jugend hatten wir viele Kontakte in der Musikszene.

Sie erzählen sehr offen von Ihrer Zeit in einer geheimen Kaderschmiede der DDR, von sexbesessenen Parteifunktionären. Auch Sie vollziehen Ihre Entwicklung anhand Ihres Umgangs mit Frauen nach - im Kommunismus eher glücklos, im Kapitalismus eher polygam ...

Geiges: Früher haben wir gesagt: Das Private ist politisch. Heute würde ich sagen: Das Politische ist privat. Ich finde es symptomatisch, wie sich Menschen verändern, wenn sie Macht bekommen. Ich war ja streng partei-gläubig und schildere den langsamen Abfall von den Ideen. Bei mir persönlich spiegelt sich das auch am Umgang mit Frauen. Ich wollte ein Sittengemälde beschreiben - ohne erhobenen Zeigefinger.

Adrian Geiges: Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann. Eichborn, 313 Seiten, 19,95 Euro

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