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Letzter Boden kam aus dem Feuer

Afflerbach

DORTMUND Mit dem Pressen des letzten Bodens ist in der Bödenpresserei Afflerbach in Hörde am Freitag ein weiteres Stück Industriegeschichte zu Ende gegangen.

von Von Oliver Volmerich

, 30.04.2010

Um kurz nach 13 Uhr rollt der frisch aus dem Feuer gezogene Boden auf einer riesigen Gabel durch die Werkshalle. Die Haube der Presse senkt sich über das glühende Stück Stahl, das zischend zu Boden sinkt – aufmerksam beobachtet von der gesamten Mannschaft des Werks. Horn, der Betriebsleiter, rollt ein Transparent aus, hinter dem sich alle zum Gruppenfoto postieren. „Ruhr 2010 Pressung letzter Boden“ steht darauf. Kein Zweifel: Das Pressen des letzten Bodens in der Werkshalle in Hörde am Freitagmittag ist das Ende eines Stücks Industriegeschichte. Nicht nur für die Firma Afflerbach, sondern auch für Dortmund. „Wir waren eines der letzten warm umformende Unternehmen in Dortmund“, erklärt Simon Gerhard Zantop.

  Der technische Leiter der Afflerbach-Bödenpresserei ist gemeinsam mit Geschäftsführer Willi Breidohr eigens aus Puderbach im Westerwald, dem Sitz des Unternehmens, angereist. Für das Ende eines langen Kampfes. „Der Zeitgeist war gegen uns“, stellt Zantop fest – und denkt dabei an die ungezählten Bagger, die draußen vor dem Tor den Phoenix-See modellieren. Die alte Industriehalle ist der schönen neuen Zukunft im Herzen von Hörde im Weg.   Von der war noch nichts zu ahnen als die Firma Afflerbach 1995 vom Union-Gelände in der westlichen Innenstadt in die frühere Hoesch-Halle am Rande des Stahlwerks Phoenix umzog. Jetzt stört die Werkshalle den Blick aus den schicken neuen Villen, die am Nordufer des Phoenix-Sees entstehen sollen. Alle Bemühungen, mit der Stadt einen Ersatzstandort in Dortmund zu finden, scheiterten.

  Schließlich entschloss sich Afflerbach dazu, die gesamte Produktion in den heimischen Westerwald zu verlagern, wo nahe der Stadt Dernbach eine neue moderne Produktionshalle entstanden ist. Hier werden Ofen und Presse 1:1 wieder aufgebaut. 9,5 Mio. Euro investiert Afflerbach in Umzug und Kapazitätserweiterung. Dazu kommen Kosten für die Qualifizierung neuer Mitarbeiter und den dreimonatigen Produktionsausfall. „Wir wollten gern hier bleiben“, sagt Breidohr – nicht nur mit Blick auf diese Kosten. Schließlich war Afflerbach seit 1967 in Dortmund. „Es waren keine schlechten Zeiten. Hier ist immer gute Leistung gebracht worden“, stellt der Geschäftsführer anerkennend fest. Noch größer als bei ihm dürfte die Wehmut bei den Mitarbeitern vor Ort sein. 30 Industrie-Arbeitsplätze gehen Dortmund verloren.

„Das traurige ist, dass sich viele Mitarbeiter trotz Sozialplan-Leistungen entschieden haben, nicht mit in den Westerwald zu gehen“, erklärt Breidohr. Immerhin acht Leute der Stammbelegschaft gehen mit auf die Reise. Auch wenn es schwer fällt. „Man lässt Familie, Freunde und Bekannte hinter sich“, stellt Ralf Wittwer, der Hartmut Horn bald als Betriebsleiter ablöst, fest. Der 53-Jährige arbeitet seit 29 Jahren für Afflerbach und wagt nun den Neuanfang in der Fremde. Wie sein Bruder Guido, der den Wechsel etwas leichter nimmt. „Ich freue mich auch auf das Neue“, sagt der Mann an der Presse.   Eher als Gewinner des Umzug sehen sich auch Gordan Gasper und Kai Röllinghoff. Die bisherigen Leiharbeiter haben nun einen festen Arbeitsvertrag bei Afflerbach in der Tasche, gründen in Dernbach eine Zweier-WG.

Betriebsleiter Hartmut Horn geht in Altersteilzeit, kümmert sich zunächst mit um den Abbau der Anlagen in Dortmund. Der wird noch einige Zeit dauern. Der Mietvertrag in der Halle läuft bis Ende des Jahres, erklärt Zantorp, der den Umzug organisiert. Dann können die Bagger für den Abriss anrücken – und ein weiteres Stück Industriegeschichte in Hörde dem Erdboden gleich machen.