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Menschliches Strandgut

Hilflos, ratlos, verzweifelt, ausgeliefert - so fühlte sich jetzt Jakub Jesinski (Name geändert). Der gebürtige Pole mit deutschem Pass war emotional auf dem Abstellgleis, als er in der Nähe des Hauptbahnhofs in Richtung Schienen lief. Doch das Bahnpersonal schickte ihn zurück.

03.01.2008

Zurück in Not und Verzweiflung. Der 52-jährige war in den letzten Tagen des alten Jahres so etwas wie menschliches Strandgut, auf dem Weg von Polen in die USA in Dortmund hängen geblieben. Unfreiwillig.

Dabei schien sich für Jakub endlich das Blatt zu wenden, als er vor einigen Wochen mit seiner Freundin nach Florida auswanderte. 20 Jahre hat er in Deutschland gelebt, zunächst in Tübingen und dann für kurze Zeit in Münster. Der gelernte KFZ-Mechaniker und Bootsbauer hat alle Brücken in Deutschland abgebrochen, wollte mit seiner schwer erkrankten Freundin am Golf von Mexiko ein neues Leben beginnen. Seine Freundin hoffte dort auf eine lebensrettende Operation.

Während sie im Krankenhaus lag, ereilte Jakub ein Hilferuf seiner 76-jährigen Mutter in Polen. Sie hatte seit Mai ihre Stromrechnung und Miete nicht mehr bezahlen können. Als er noch bessere Tage hatte, hat er immer alles für sie bezahlt. Weitere Verwandte gibt es nicht mehr, nachdem vor einigen Jahren Jakubs Schwester starb.

Der Sohn reiste nach Rücksprache mit der Freundin nach Polen, sah nach dem Rechten, beglich die Schulden seiner Mutter und wollte dann - nach einem Abstecher nach Dortmund zu einem Freund aus Kindertagen - zurück in die USA. Doch am Busbahnhof wird er beim Geldtausch beobachtet - und überfallen. So gut wie mittellos und ohne Bankkonto macht er sich auf nach Dortmund, in der Hoffnung auf die Hilfe des Freundes. Doch der Freund ist keiner mehr.

Also sucht Jakub Unterstützung bei den Behörden, um zunächst zurück nach Polen zu kommen, doch ohne feste Adresse, ohne Sozialversicherungsnummer und ohne Kontonummer kann er keinen Sozialhilfeantrag stellen. Im Rathaus sei er gewesen, bei der Kirche, doch niemand könne ihm helfen.

"Ich habe Angst"

Daraufhin jobbt er an einem Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt. Für fünf Euro die Stunde. Nachts schläft er in der Obdachlosenunterkunft. "Es ist toll, dass man dort übernachten und sich waschen kann und nicht friert", sagt er, "aber es ist ein Drogensumpf. Ich habe Angst." Den Menschen dort werde geholfen, aber ihm nicht, stellt er bitter fest. Und dann erhält er die Nachricht, dass seine Freundin in den USA gestorben sei. Wenn er davon erzählt, fließen die Tränen.

Als er nach vier Tagen am Glühweinstand endlich das Geld für die Bus- oder Zugfahrt nach Polen zusammen hat, bittet er den Betreiber, ihm die 180 auszuzahlen. Der weigert sich. Jakub könne das Geld erst später bekommen: "Ansonsten, verklag mich doch."

Jakub fühlt sich ohnmächtig. Keiner hilft ihm oder kann ihm helfen. "Ich will doch nur hier weg," sagt er. Zu seiner Mutter nach Polen und von da zurück in die USA. Dort wartet in St. Petersburg ab dem 12. Januar ein Job auf ihn - als Yachtbetreuer und Reparateur. Von Polen, glaubt er, schafft er es leichter über den großen Teich. "Es ist schrecklich, sich so ausgeliefert zu fühlen", weint er.

Und es gibt doch das Licht am Ende des Tunnels. Jakub findet schließlich jemanden, der ihm das Fahrgeld nach Polen leiht. "Ich zahle es bestimmt mal zurück", sagt er. Glaubwürdig. Oder oscarreif.

Und wieder macht er sich auf und läuft eilenden Schritts in Richtung Hauptbahnhof - diesmal um in den nächsten Zug zu steigen. ko

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