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Pleite, na und?

DORTMUND Über Pleiten spricht man nicht, lautet ein ungeschriebenes Wirtschaftsgesetz in Deutschland. Während „Pleitiers“ in angelsächsischen Ländern als gestrauchelte Helden gelten, werden sie hierzulande geächtet. Andreas Ramacher bricht nun die Mauer des Schweigens. Als bei der Gründung seiner kleinen Werbeagentur die Sektkorken knallten, dachte der 44-jährige Dipl.-Sozialpädagoge kaum daran, dass die Sache auch schief gehen kann.

von Von Achim Roggendorf

, 16.10.2007
Pleite, na und?

Will Mut machen: Andreas Ramacher ging mit seiner Firma pleite.

Gestatten, Andreas Ramacher,  Pleitier. Ich hatte in Dortmund eine  Werbeagentur, für die ich persönlich haftete, namens „21stGATE“. Weil Kunden ihre Zusagen nicht einhielten und Aufträge ausblieben, stand ich auf einmal beruflich mit dem Rücken zur Wand. Ich war pleite. Anfang 2006 hatte mich das große Tabu der Insolvenz erwischt. Oh Gott! Ich bin gescheitert. Wie sag' ich's nur meiner Familie? Meine Knie zitterten, als ich die Haustür aufschloss. Und was denken erst meine Freunde, Bekannten? Zahlungsunfähige Unternehmer gelten in der Öffentlichkeit als Versager, werden geächtet. Ich sehe schon die peinlich berührten Gesichter ringsherum. „Er ist gescheitert“, denkt man, oder: „Wieder einer, der seine Firma gegen die Wand gefahren hat.“

Ein schwarzer Tag

Es war ein schwarzer Tag in meiner persönlichen Geschichte, als ich mein „Kind“, meine Firma, zu Grabe tragen musste. In meinem Kopf rasten die Gefühle wie in einer Achterbahn. Ich fühlte mich leer und ausgebrannt. Wie schön war die Zeit des Aufbaus, wie wundervoll der Erfolg und nach vielen Monaten des Kampfes, wie bitter das Ende. Es folgten Nächte der Schlaflosigkeit, Wochen der Verzweiflung. Auswandern wollte ich. Mein Selbstwertgefühl war gleich Null. Am schlimmsten war für mich der Tag, an dem mein Versagen öffentlich wurde. Schwarz auf weiß stand es in der Zeitung, in den Amtlichen Bekanntmachungen. Meine Agentur ist pleite. Alle werden mit dem Finger auf mich zeigen. Ich fühlte mich wie ein Versandhausbetrüger, der Sachen bestellt hat und sie nun nicht bezahlt. Hilflos war ich dem Insolvenzverfahren ausgeliefert. Wie viel Zeit und Kraft ich in das Unternehmen gesteckt hatte, war dem Verwalter egal. Für ihn zählten nur nackte Zahlen. Und die sprachen gegen mich.

Schiffbrüchiger Unternehmer

 Meine Angst, dass es keine Arbeit für eine schiffbrüchigen Unternehmer mehr geben würde, und die um meine bloße Existenz, war entsetzlich, weil ich ja nicht nur meine Firma, sondern durch die persönliche Haftung auch mein ganzes Erspartes verloren hatte. Sogar meine Altersvorsorge war weg. Wovon sollte meine Familie in Zukunft leben? Ich durchlebte die tiefste Krise meines Lebens. Wäre da nicht dieses einschneidende Erlebnis gewesen, wer weiß, was aus mir geworden wäre. Als ich eines Tages meinen Sohn beobachte, war mir klar, dass es so nicht weitergehen kann. So einen Vater hat er nicht verdient. Ich begann, mich wieder zu bewerben. Nun kämpfe ich gegen das Tabu des Scheiterns. Ich will Mut machen. Schon im April habe ich bei den Wirtschaftsjunioren gesprochen. Diejenigen, die Misserfolge erfahren haben, dürfen sich nicht aus Scham verstecken. Hinfallen kann jeder, das Wiederaufstehen ist wichtig.  

Andreas Ramacher arbeitet heute für den Kreis Soest im Bereich Schule und Beruf. Um anderen Mut zu machen, hält er nebenbei Vorträge über sein Scheitern und seinen beruflichen Neuanfang, Tel. 0178 / 274 38 33, E-Mail ramacher@web.de

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