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Schicksalsschlag riss Familienvater aus dem Leben

DORTMUND Der 28. Oktober 1999 kippte das Leben von Karl-Heinz Euler aus der Bahn. Von jetzt auf gleich. Ein tragischer Unfall auf der A 2 Höhe Hamm-Uentrop, auf dem Weg von Bielefeld nach Kamen-Methler. Frau und Tochter starben. Was danach passierte, könnte kein Drehbuch-Autor dramatischer erfinden.

von Von Ulrike Böhm-Heffels

, 25.12.2007

Am 28. Oktober 1999 verlor Karl-Heinz Euler das Liebste in seinem Leben. Zehn Tage vor seinem 52. Geburtstag verunglückten seine Frau Gertrud und Tochter Birgit auf der A 2, unterwegs zur Geburtstagsfeier der Schwiegermutter. Bei der Massenkarambolage im Nebel wurde ihr Auto eingequetscht zwischen Lastwagen. Gertrud wurde nur 45 Jahre alt, Birgit ganze 16. Vater Karl-Heinz war noch auf der Arbeit in Bielefeld, wollte abends mit dem Zug nachkommen.

Der gelernte Bergmann aus Lünen lebte da schon längst mit seiner Familie in Ostwestfalen. Nach dem Ende des Bergbaus musste Euler umschulen, verdiente seither sein Geld als Gerber. 17 Jahre verheiratet, 90-Quadratmeter-Wohnung, ausreichender Verdienst, nie krank gefeiert - ein Leben in durchweg geordneten Bahnen.

Am 6. November 1999, seinem Geburtstag, musste Karl-Heinz Euler Abschied nehmen vom Liebsten. Mit Frau und Kind trug er sein altes Leben mit zu Grabe. "Ab da ging's bergab", sagt er heute noch traurig.

Jetzt, mit 59 Jahren, sitzt er im Gast-Haus an der Rheinischen Straße, ein inzwischen wieder sesshaft Gewordener unter vielen Obdachlosen. "Ich konnte mich damals in meiner Trauer nicht äußern. Konnte sie nicht teilen." Noch ein halbes Jahr arbeitete Euler weiter, bevor er im April 2000 alles hinschmiss. Kollegen, sein Vermieter, Freunde - jeder wollte ihn daran hindern. Umsonst. Euler war alles egal. Restlos. Zunächst nahm er Urlaub, flog nach Sri Lanka, auf die Insel seiner Hochzeitsreise. Euler verlängerte, flog nicht zurück, sondern nach Miami. Ein Getriebener, Rastloser.

Wieder in Bielefeld, kündigte Euler tatsächlich. "Ich war 18 Jahre bei der Firma, hatte neun Monate Kündigungszeit und bekam 25 000 Mark Abfindung. Damals hätte ich jederzeit wieder anfangen können." Er war hoch geschätzt beim Chef. "Mit der Sauferei fing ich nicht an. Das war bei mir nie ein Thema." Dann löste der Mann mit den zwei erlernten Berufen seine Wohnung auf, kündigte das Konto, kaufte sich einen Fiat und haute ab nach Spanien. Nach knapp zwei Jahren ging nichts mehr, war das Geld futsch. Um zu leben, heuerte Euler auf einer Orangen-Plantage bei Valencia an, bis auch da Schluss war. 400 Kilometer Fußmarsch entlang der Mittelmeer-Küste, und Barcelona war erreicht. Ernährt hatte sich Euler auf der Flucht vor seinem Leben unterwegs ausschließlich von Orangen.

Aus dem Müllcontainer

Nächste Station: Mallorca, wo sich Geld verdienen ließ in der Gastronomie. Bis 2002 hielt er es aus in Arenal. Aber nicht sein Herz. Ein Infarkt streckte ihn nieder. Den Oberschenkelhalsbruch, den Euler auch erlitt, diagnostizierten die Ärzte in der mallorquinischen Klinik nicht. Über das Konsulat landete er in der Unfallklinik am Fredenbaum. Krankenversichert war er schon lange nicht mehr. Stent- und Bein-Operationen musste das Sozialamt zahlen, die anschließende Reha die Knappschaft - ein "Erbe" seiner Bergbauzeit.

"Das Gast-Haus half mir. Hierüber bekam ich auch eine Wohnung." Aber statt neu durchzustarten, haute Euler wieder ab. Dieses Mal landete er auf Mallorca nicht hinter der Kellner-Schürze sondern auf der Straße, aß aus Müllcontainern. Da schrieben wir das Jahr 2003. Mit zusammen gebettelten 50 Euro bestieg der Gestrandete die Fähre nach Barcelona: "In der Nähe von Kirchen sind die Menschen in Spanien besonders großzügig."

Das Leben draußen gab seiner Gesundheit den Rest. Im August 2006 war Karl-Heinz Euler wieder in Deutschland. Zwei Monate später überwies ihn der ehrenamtliche Arzt vom Gast-Haus, Internist Klaus Harbig, ins Krankenhaus. Im Klinikum Mitte stellten die Ärzte einen Zuckerwert von 500 fest, einen hochgradigen Diabetes mellitus. Die Lunge saß voller Wasser, ein dritter Stent wurde eingesetzt.

Kurz vor Weihnachten kam Euler raus - und landete im Männerheim an der Unionstraße, die komplett falsche Umgebung für den Anti-Alkoholiker. Nach nur drei Tagen hielt er es nicht mehr aus. "Ansgar und Alfons, die beiden Pfarrer vom Gast-Haus, halfen mir eine 32-Quadratmeter-Wohnung zu bekommen."

Neue Liebe gefunden

Erst Hartz VI, im April kam der Schwerbehinderten-Ausweis, immerhin 70 Prozent, und seit Ende Oktober Rente - der 59-jährige organisiert sein Leben neu. Von 37 Jahren Maloche auf dem Buckel (samt Militärzeit) bleiben heute 822 Euro, dazu 142 Euro Witwerrente. Nie hatte Euler Schulden angehäuft im großen Stil, lediglich mal den Dispo-Kredit ausgereizt. 6000 Euro, die abgestottert werden müssen. Euler zahlt noch eineinhalb Jahre. 80 Euro im Monat.

Er hat sich gefangen, hat sogar eine neue Partnerin gefunden. Eine, mit der er prima zusammenpasst. Beide blicken zuversichtlich nach vorne: "Ich will noch ein paar Jahre leben. Irgendwie muss ich es schaffen, mir endlich das Rauchen abzugewöhnen." Beim Gast-Haus schaut der Mann mit der harten Vergangenheit regelmäßig vorbei. Mit Botengängen und Ämter-Begleitung hilft er jetzt anderen, wieder hoch zu kommen.

 

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