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Verfluchter Krebs

Eva Raudszus hat es sich in dem Behandlungsstuhl bequem gemacht. Die 72-Jährige hat Krebs, und sie lächelt.

31.10.2007

"Es ist eine bestimmte Art Knochenmarkkrebs." Seit drei Jahren ist sie in Behandlung. Drei Jahre zwischen Bangen und Hoffen. Jetzt hat der Arzt ihr wieder Hoffnung gemacht.

"Wie heißt der noch gleich?" Es ärgert die Patientin, dass ihr der genaue Name der Krankheit nicht einfällt. "Ich schaue mal nach", sagt Schwester Christina: "Ein Plasmozytom." "Richtig", sagt Eva Raudszus und lächelt die Pflegekraft an. Schwester Christina ist da, wenn die Kranken sie brauchen. Und sei es nur dafür, um den genauen Namen ihrer verfluchten Krankheit herauszusuchen.

Krebs - wer diese Diagnose von seinem Arzt erfährt, verliert meist den Boden unter den Füßen. Krebs - nicht nur Krankheit, sondern Schicksal. So empfinden es die meisten. So empfinden es auch viele von denen, die in der onkologischen Ambulanz des Johannes-Hospitals bei Schwester Christina und ihrem achtköpfigen Pflegeteam landen.

Tröpfelndes Gift

Chemotherapie - Du sitzt auf dem bequemen blauen Sessel. Siehst, wie das Gift tröpfchenweise in deinen Körper fließt, um das noch größere Übel, den verfluchten Krebs, zu besiegen. Denkst an dein Leben und dessen Ende. Denkst an deine Fehler und was du wieder gut machen musst. Manch einer kann während der oft stundenlangen Chemo die Tränen nicht zurückhalten.

"Wir nehmen sie dann auch in den Arm, trösten sie", sagt die 31-jährige Teamleiterin. Dafür seien sie ausgebildet. "Alle machen wir Fortbildungen in Gesprächsführungen." Wenn der Kummer den Patienten zu verschlingen droht, kann auf Anfrage die Psycho-Onkologin helfen, die für solche Krisenfälle geschult ist. "Auch wir können zu ihr gehen", sagt Christina Holzem. Sie habe diese professionelle Hilfe bislang noch nicht in Anspruch nehmen müssen. "Obwohl einem manche Schicksale sehr nahe gehen."

Es sind die Leidensgeschichten junger Patienten, die mit Familie, die ihr unter die Haut gehen. "Erst neulich hatten wir drei Fälle. Alles Frauen, so alt wie ich, sogar jünger. Alle hatten Kinder." Schwester Christina, die viel mit den Patienten und ihren Kolleginnen scherzt, sitzt plötzlich wie erstarrt am Tisch. "Sie sind alle gestorben." Brustkrebs.

Vielleicht ist es gut, dass sie diesen letzten Weg nicht mehr persönlich begleitet. Sie schluckt: "Die todkranken Patienten haben wir nicht mehr in der Ambulanz, die gehen auf die Stationen."

Besondere Nähe

Es ist schwer für sie, diese besondere Nähe zu ihren Patienten zu beschreiben. Patienten, die sie oft über Jahre kennt, die viel von sich preis gegeben haben. Deren Schicksal sie doch nicht in ihr Privatleben einsickern lassen darf. Nähe auf Distanz, vielleicht ist damit beschrieben, was den Patienten gut tut, und was Christina Holzem zugleich vor zu viel Anteilnahme schützt.

Eva Raudszus wartet auf ihre Infusion. Sie fröstelt ein wenig und hat sich ihre beigefarbene Jacke übergezogen. "Soll ich Ihnen noch eine Decke bringen?" fragt Schwester Christina sanft. "Danke, mir geht's gut." Eva Raudszus lächelt. Jörg Heckenkamp

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