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Wenn der Job krank macht

DORTMUND Guckt er nur oder "beißt" er schon? Es geht um Mobbing. Rechtsanwältin Martina Knoch dachte früher, dies sei ein Thema, das in der Öffentlichkeit aufgebauscht würde. Die Mandanten lehrten sie dann das exakte Gegenteil. Da kam die Arbeitsrechtlerin auf eine gute Idee ...

von Von Ulrike Böhm-Heffels

, 21.01.2008
Wenn der Job krank macht

Rechtsanwältin Martina Knoch wundert sich, wie verbreitet Mobbing ist.

Die 36-Jährige selbst kann sich zwar um den arbeitsrechtlichen Teil kümmern, die seelischen Konflikte der Mobbing-Opfer aber nicht lösen. Gut, wenn man da einen kennt, der das kann: Christian Hülsebusch (38), Diplom-Sozialpädagoge und Heilpraktiker der Psychotherapie mit Zusatzausbildung zum Verhaltenstherapeuten. Er arbeitet in einer Nachsorgeeinrichtung in Hörde mit Betroffenen. Gemeinsam gehen Knoch und Hülsebusch die Probleme jetzt an.

Mit Erfolg, wie dieses Beispiel zeigt: Der Chef einer großen Röntgenklinik hatte die langjährige Mitarbeiterin seines Teams quasi mit Führungsaufgaben betraut, denen sie offenbar nicht gewachsen war. Mit ihrer Profilneurose schikanierte sie ein Dutzend Kollegen, darunter auch die 40-jährige Mandantin von Martina Knoch. Sie litt an Bauchschmerzen, wenn sie nur an ihren Job dachte. Schließlich wurden die psychosomatischen Beschwerden so stark, dass sie krank geschrieben wurde. Ein halbes Jahr war nicht an Arbeitsaufnahme zu denken.

Mobbing-Opfer: "Es lässt sich kein Typus heraus kristallieren"

In der Anwaltspraxis fand sie juristische wie auch psychosoziale Hilfe. Am Ende war die Mandantin so gestärkt, dass sie sich endlich zur Wehr setzen konnte. Die Mobberin wurde in ein anderes Krankenhaus versetzt, wo sie wieder "in der Spur lief", während an ihrer alten Wirkungsstätte das gesamte Röntgen-Team aufatmete.

20 bis 30 von 100 arbeitsrechtlichen Fällen verstünden sich als Mobbing-Opfer, schätzt Martina Knoch aus ihrer Praxiserfahrung heraus. Es seien sowohl Frauen als auch Männer, jüngere gleichsam wie ältere Arbeitnehmer. "Es lässt sich kein Typus heraus kristallieren", meint sie. Allenfalls entpuppe sich jemand als typisches Opfer, wenn er auf irgendeine Art aus der Gruppe heraussteche. Sei es als jüngster, ältester, als einziger Nichtstudierter oder einziger Studierter. Und: "Vorgesetzte, die ihrer Rolle nicht gerecht werden, nehmen sich für ihre Drangsalierungen auch gerne mal das schwächste Glied aus der Gruppe heraus", so die Anwältin.

Schnell erkannte sie, als Anwältin nur die rechtliche Seite abklären zu können, die Betroffenen aber auch therapeutischen Beistand brauchen. So entstand die Idee, mit Christian Hülsebusch zusammenzuarbeiten. "Prozessual ist Mobbing oft ein Problem. Denn wie wollen Sie beweisen, dass gerade Mobbing-Situationen ausschlaggebend sind für Krankheit? Die Gerichte tun sich schwer, Schadensersatzansprüche zu stellen", weiß die 36-Jährige.

Die Situationen seien oft sehr komplex, die Grenzen fließend: War es nur ein Missverständnis, ein schiefer Blick oder schon Mobbing? Von Kollegen kämen dann gerne die Sprüche: "Stell' dich nicht so an." Die Juristin rät zur akribischen Buchführung, zum Mobbing-Tagebuch. Hierin müsse jeder einzelne Vorfall notiert werden samt Kausalität, also Ursache und Wirkung.

"Schön ist die menschliche Komponente für mich. Wenn wir sehen, dass es nach intensiver Arbeit den Betroffenen besser geht", freut sich die Fachfrau.

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