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Wenn der Teppich <br> Geschichten erzählt

DORTMUND Riesen-Party für kleine Leute: 180 Kinder aus allen Dortmunder Grundschulen feierten das erste Sommerfest im Kinder- und Jugendliteraturzentrum "jugendstil". Zwischen Turm und Garten des Schulte-Witten-Hauses hörten sie Gruselgeschichten, angelten Flaschenpost und druckten ihre eigenen Bücher.

von Von Daniel Claeßen

, 17.08.2007
Wenn der Teppich <br> Geschichten erzählt

Autorin Andrea Karimé bastelte mit Mary-Ann (r.) und Celina kleine Geschichts-Teppiche.

Langsam kurbelt Jasmin (9) den Hebel der Schraubzwinge nach vorne. Sie zieht einen gefalteten Teppich zwischen zwei Metallspulen hindurch und klappt ihn auf. "Das ist mein eigenes Buch." In den Teppichhälften liegt ein Stück Papier, auf dem sie mit Bleistift einige Sätze geschrieben hat. Darunter leuchtet ein gelbes Bild. "Selbst gemalt", sagt sie stolz. Es zeigt zwei Strichmännchen, die sie mit Hilfe der Spulen auf den Buchdeckeln presst. "Jetzt fehlt nur noch ein Titel", sagt die Neunjährige.  "Es geht um einen Menschen, der allein ist, und dann einen Freund findet."

Grusellesungen

Während in der Buchwerkstatt Geschichten über Freundschaft entstehen, herrscht im Turmzimmer des Schulte-Witten-Hauses gespenstisches Schweigen. Nur das leise Rattern des Turmuhrwerks ist zu hören. Plötzlich zerreißt ein Glockenschlag die Stille, es folgen helle Schreien und aufgeregte Schritte - bis jemand von außen die Tür öffnet und das Licht der Flurlampe hereinströmt. Der Glockenturm mit seinen Holzwänden, den pfeifenden Winddurchlässen und den Spinnweben in allen Ecken ist die perfekte Kulisse für regelmäßige Grusellesungen - akustischer Abgang inklusive.

Dabei vergessen die kleinen Hörer schnell, dass es draußen hellichter Tag ist und auf dem Innenhof eine große Party steigt: Kater und Katzen tanzen mit Mäusen und Vögeln. Plötzlich  fliegt ein Ball vom Sportfeld auf die Tanzfläche. Tomek (8) entschuldigt sich bei den geschminkten Mädels: "War keine Absicht." Er schnappt sich den Ball und stürmt zurück zum Fußballfeld. Während gestiefelter Kater, Mikesch & Co. weiter schwofen, wird das Spiel abgepfiffen. Erschöpft wandern die Jungen zurück ins Haus, lassen sich in einem Nebenzimmer auf den Holzboden fallen und beginnen zu malen: "Ich bin BVB-Fan", gibt Tomek zu, "wir gewinnen am Wochenende." Vor dem Spiel hatten sie Geschichten über Fußball-Fans gehört, anschließend durften sich die Jungs austoben - jetzt halten sie ihre Erlebnisse auf Papier fest.

Geschichtsteppich

Auch Mary-Ann (9) und Celina (7) haben Geschichten gehört. Ein Teppich hat sie ihnen erzählt. "Er spricht alle Sprachen", sagen sie, während sie bunte Stoffetzen und Perlenschmuck aneinanderkleben. "Das wird unser eigener Geschichtsteppich." Mary-Ann zeigt auf ein Buch, das neben ihr auf dem Boden liegt: "Nuri und der Geschichtenteppich". Andrea Karimé schaut den beiden über die Schulter. "Wir haben heute schon viele Teppiche entworfen, die alle ihre eigenen Geschichten erzählen", weiß die Autorin.

Sechs Stunden lang toben die Kinder durch das Schulte-Witten-Haus, entwerfen Bücher, lesen Flaschenpost oder kreieren ein Schattentheater mit ihren Titelhelden. Für Ulrike Erb-May, Geschäftsführerin von "jugendstil", war das erst der Anfang: "Mindestens einmal im Monat wollen wir Kinder zu Gast haben." Nach kurzer Pause fügt sie schmunzelnd hinzu: "Es muss ja nicht immer ein Sommerfest sein." Leseratten und Schreiberlinge von 7 bis 19 Jahren sind m Jugendstil willkommen. Der nächste Harry Potter ist hier zwar noch nicht erfunden worden. "Aber es sind vielversprechende Talente dabei", verrät Ulrike Erb-May. "Man muss uns nur Zeit lassen."

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