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Wie lebt es sich im Moment als Grieche?

Angst um Euro

DORTMUND Rund 3000 Griechen leben in Dortmund, über allen schwebt ein Vorwurf: Was macht ihr da mit unserem Geld, wieso bekommt Griechenland seine Finanzen nicht in den Griff und warum haben wir jetzt Angst um unseren Euro?

von Von Jörg Heckenkamp, Katharina Pfeifle und Inga Wo

, 30.04.2010
Wie lebt es sich im Moment als Grieche?

Sinnbild einer Sorge: Eine griechische Ein-Euro-Münze.

Die Krise, könnte man meinen, haben die Griechen gemacht. Was Unsinn ist, aber nicht der erste und auch nicht der letzte Unsinn, der verbreitet und geglaubt wird. Und mit dem Menschen dann leben müssen. So wie die rund 3000 Griechen in Dortmund. Griechisch-Dozentin Anastasia Merenidou zum Beispiel. „Man hat schon etwas Angst zu sagen, dass man aus Griechenland kommt, weil man dann eventuell darauf angesprochen wird.“

Sagt sie und weiß es aus Erfahrung, denn: „Meine Schüler sprechen mich darauf an, wie ich es sehe.“ Was soll man da sagen? Was will man da sagen? Vielleicht gar nichts, so wie die Griechische Ergänzungsrealschule, die auf Anfrage lieber schweigt. Dr. Pantaleon Giakoumis, hauptamtlicher Landesgeschäftsführer der Europa-Union, ist bereit zu sprechen, denn: „Jeder Grieche wird zurzeit darauf angesprochen, auch meine Söhne.“ Fragen würden dann gestellt werden, zum Beispiel, warum Griechenland sich derart verschuldet habe. „Ich betrachte es nicht als Griechenland-Krise“, sagt Giakoumis dann. Für ihn ist das ganze eher eine Euro-Krise. „Sicher hat Griechenland über seine Verhältnisse gelebt, aber die Fehler sind weitreichend zu suchen. Es gibt mehrere Ursachen.“ Anfeindungen? „Ich habe nicht den Eindruck, dass ich angefeindet werde oder negative Reaktionen kommen.“

Mit einem griechischen Freund habe er im Spaß beschlossen, für Griechenland zu sammeln. Humor scheint so oder so eine Strategie zu sein, um mit der Krise umzugehen. Auch für Savvas Vezyridis, Inhaber des Akropolis-Grill in Körne, der in letzter Zeit häufiger gefragt wurde, ob man bei ihm bald auch wieder mit Drachmen bezahlen könne. Er kann darüber lachen, sagt er. Und: „ Wir sind ja auch stinksauer auf die ganze Sache – was soll man machen? Bösartige Kommentare habe ich jedenfalls noch keine abbekommen.“ Die „Sache“, wie sie Vezyridis nennt, zeigt, dass der Druck, der auf Griechenland lastet, abstrakt ist. Eine „Sache“ eben, schwer zu begreifen – aber dafür nicht weniger angsteinflößend.

Und den Zorn erweckend. Alexandros Zissis (61) lebt seit 1965 in Deutschland und geht mit seinen Landsleuten hart ins Gericht: „Die Griechen sind selbst Schuld an der Misere. Sie haben über ihre Verhältnisse gelebt.“ In seiner Taverne Epsilon ist die Finanzkrise seines Heimatlandes öfter Gegenstand für milden Spott der deutschen Gäste, nach dem Motto „Ihr Griechen lebt gut von unseren Steuergeldern.“ Zissis antwortet dann flapsig: „Genau, wir brauchen euer Geld, damit wir weiter unseren hohen Lebensstandard halten können.“ Und den Lebensstandard von Portugal. Spanien. Belgien oder Irland? Großbritannien gar? Sagen wir: den europäischen Lebensstandard.