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Ein Stück Heimat auf der Kegelbahn

Besuch beim Kegelclub „13 gegen Willi“

In den 70er-Jahren kam kaum eine Gaststätte ohne Kegelbahn aus. Kegeln war die Trendsportart. Aber wie steht’s heute um die Hobby-Abräumer? In unserem Video geht‘s mit dem Dortmunder Kegelclub „13 gegen Willi“ in die Vollen.

Dortmund

, 03.03.2018
Ein Stück Heimat auf der Kegelbahn

Rainer „Lulle“ Hinz (l.) und Andreas „Felsi“ Fels schätzen das Gemeinschaftsgefühl in ihrem Kegelclub. © Nils Lindenstrauß

Einmal im Monat packt Rainer Hinz seinen Koffer, verabschiedet sich von Frau und Kindern und tritt eine Reise an. Vom Niederrhein aus geht’s Richtung Dortmund-Nette. Eine Reise in seine alte Heimat, ein Kurztrip dahin, wo Hinz einen Abend lang ein Anderer sein wird. Denn wenn seine Kumpels vom Kegelclub „13 gegen Willi“ ihn im Stammlokal Sportklause mit Handschlag und Umarmung begrüßen, wird aus dem 60-jährigen Rainer „Lulle“ . Die Sportklause, das ist eines von jenen Lokalen, in denen sich an den Abenden des Wochenendes das pralle Leben des Stadtteils widerspiegelt.

Hier treffen sich Jung und Alt, der Verwaltungsfachangestellte, der Hilfsarbeiter, der Polizist und der Rentner sitzen gemeinsam beim Bier und philosophieren über Gott und die Welt. Mal mehr, mal weniger. Freitagnachmittag. Feierabend! Das ist kaum zu übersehen in der Wodanstraße. Im Eingangsbereich der Sportklause, da wo der hippe Mittdreißiger mit dem Mann im beklecksten Maler-Overall Zigaretten schmaucht und Palaver hält. „Warum stehen die Männer vor der Tür und rauchen?“, fragt ein kleiner Junge seinen Vater, der ihn an der Hand über die Straße geleitet. „Weil sich das so gehört, weil man eben rausgeht, wenn man raucht“, sagt der Vater dem Sohn.

Rauchen, ohne das Lokal zu verlassen

Rainer „Lulle“ Hinz und seine Kumpels, für sie geht’s abwärts. In den Keller des Lokals, auf die Kegelbahn. Dahin, wo man eben das machen kann, was sich nicht gehört. Rauchen, ohne das Lokal zu verlassen, ordentlich Striche auf den Bierdeckeln sammeln – und die Kugeln über die privat gemietete Kegelbahn rollen zu lassen.

Ein Stück Heimat auf der Kegelbahn

Die Mitglieder des Kegelclubs „13 gegen Willi“ treffen sich regelmäßig in ihrer Stammkneipe „Sportklause“. © Fabian Paffendorf

Feuchtfröhlich geht’s im Keller zu. Gesellig und nicht zu knapp auch zotig. „13 gegen Willi“ ist eine reine Herrenriege. Gegründet im August 1989 von den Fußballern des DJK-Sportfreunde Nette, wie „Lulles“ Kegelbruder Thomas „Toni“ Engler erzählt. Damals, so die Clubhistorie, feierten die Herren den Pokalsieg von Borussia Dortmund und kamen dabei auf die Idee, auch abseits ihres Sportvereins gesellige Treffen zu organisieren. Das Kegeln war Beiwerk zum gemeinsamen Bier. Wie man auf den Namen „13 gegen Willi“ für die muntere Truppe kam, war auch ein wenig dem medialen Zeitgeist verpflichtet.

„Da gab’s im TV eine Show mit Mike Krüger, die hieß 4 gegen Willi“, so „Toni“. Und „Lulle“ ergänzt, dass man ja mit 15 Männern auf der Kegelbahn angetreten sei, zwei davon hießen Willi.

Mitglieder haben besonderen Draht zueinander

Einer von beiden, Willi Land, ist heute noch im Club aktiv. „Das ist auch das Schönste was es gibt“, sagt der mittlerweile 80-jährige Ehrenpräsident der heute 13 Mann starken Keglertruppe. „Lulle“ und Willi haben einen ganz besonderen Draht zueinander. Den „Lulle“ nennt Willi nur den Holländer – „weil der vom Niederrhein wech kommt!“

Ein Stück Heimat auf der Kegelbahn

Der Club ist eine reine Herrenriege. © Fabian Paffendorf

Wenn „Lulle“ den Willi foppt, dann nennt er ihn Schröder. Weil: „Mit 80 kann der unmöglich noch die Haare von Natur aus so dunkel haben. Der färbt die doch, so wie der Gerhard Schröder.“

„Lulle“ und Willi bekriegen sich. „Lulle“ und Willi lieben sich aber auch so, wie sich gute Freunde überhaupt nur lieben können. „Lulle“ kippt sein Bierchen runter, wirft die Kugel und macht beim Weg zurück zum Tisch kurz beim Willi Halt und drückt ihn. Gibt ihm einen Kuss auf den Kopf.

„Felsi“ kam über den Fußball zum Club

Dienstjüngster in der Männertruppe ist Andreas Fels, „Felsi“ nennen die Kumpels den 32-Jährigen. Auf dem Fußballplatz haben die Herren des Clubs ihren Junior angesprochen. „Ich bin dann zwei- oder dreimal zum Probekegeln angetreten – und das passte“, sagt Andreas Fels. Der „Felsi“ findet nicht, dass das Kegeln antiquiert sei: „Für die Disco bin ich irgendwie zu alt. Und wenn man mal ehrlich ist, stehe ich doch auch noch so fünf bis sechs Jahre auf dem Fußballplatz. Und dann?“

Ein Stück Heimat auf der Kegelbahn

Der Name „13 gegen Willi“ ist angelehnt an die TV-Show „4 gegen Willi“ mit Mike Krüger. 15 Männer gründeten den Kegelclub 1989, darunter zwei mit dem Namen Willi. © Fabian Paffendorf

Im Kegelclub, so „Felsi“, da sei ein Platz in der Gemeinschaft auch noch in den nächsten 40 oder 50 Jahren für ihn frei. Auf der Bahn mit „13 gegen Willi“ gehen traditionelles Brauchtum und digitale Welt ein gleichberechtigtes Bündnis ein. Wenn „Lulle“ genüsslich an seiner Filterzigarette zieht, dann pustet „Felsi“ den Qualm seiner Elektrozigarette in den Raum. Und neben fast jedem Bier auf dem Tisch haben die Herren ihre Smartphones platziert. Man ist ja nicht von gestern.

Natürlich hat der Club auch eine eigene Whatsapp-Gruppe, wie Kegelbruder Norbert „Nobby“ Hess sagt. Neben den gemeinsamen Abenden auf der Kegelbahn der Sportklause sind überdies die Fahrten von „13 gegen Willi“ das A und O der guten Gemeinschaft. Da funktionieren Kegelbrüder wie eine kleine Familie.

Kegelbrüder griffen Armor unter die Arme

„Einer kauft ein, der Andere kocht, der Nächste ist für die Programmplanung zuständig. Jeder hat seine Aufgabe, um zum guten Gelingen der Fahrt beizutragen“, sagt Norbert Hess. So wird das auch in diesem Sommer sein, wenn die Männer nach Andalusien aufbrechen wollen. Dass die Fahrt einmal mehr wieder „legendär“ werden wird, da sind sich die Männer sicher.

Auf einer der Fahrten damals, da hat’s auch den „Lulle“ schwer erwischt, wie er erzählt. Da hat er seine heutige Ehefrau kennengelernt. Und wie die Kegelbrüder meinen, hatten sie schon einen ganz guten Anteil daran, dass „Lulle“ und seine Auserwählte von Armors Pfeilen getroffen wurden. Geselligkeit macht auch Liebe.

„13 gegen Willi“ sind keineswegs urige Dinosaurier auf der Bahn der Sportklause, wie deren Wirt Niko Savvidis anmerkt. „An den Wochenenden sind unsere Kegelbahnen im Haus durchweg doppelt ausgebucht. Hier treffen sich 14 Kegelclubs“, so Savvidis. Vor drei Jahren hat er die Sportklause gepachtet, umgebaut und 20.000 Euro reingesteckt. Geld, das natürlich auch in die Kegelbahnen investiert wurde. Denn: „Eine Kneipe ohne Kegelbahn läuft nicht so gut“, befindet der Wirt. Dass in den nächsten Jahren das große Kegelclubsterben anstehen könnte, hält Savvidis für undenkbar. „Kegeln ist ein intelligentes Spiel, das hat auch weiterhin Zukunft.“

Ein Stück Heimat auf der Kegelbahn

Das Bierchen gehört zum Kegelabend dazu. © Fabian Paffendorf

Nach drei Stunden packen „13 gegen Willi“ ihre Sachen zusammen – der nächste Kegelclub steht in den Startlöchern. Der „Lulle“ geht ins Hotel. Am nächsten Tag fährt Rainer Hinz wieder zu seiner Familie. In vier Wochen geht’s zurück auf die Bahn. Die ist für ihn auch eine Heimat.

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