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Einsamer Kater sucht Frau mit marxistischer Weltanschauung

Berlin. Viele junge Leute wissen nicht viel über die DDR. Dabei gibt es Filme, Bücher, Ausstellungen. In Berlin macht ein Museum nun ein neues Geschichtsangebot.

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Antibabypillen aus der DDR. Foto: Gregor Fischer

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Liebesbriefe einer siebten Klasse. Foto: Gregor Fischer

Mit einer unscheinbaren Zeitungsannonce sucht ein 28-jähriger Ost-Berliner ein „nettes, schlankes Schmusekätzchen“. Der „einsame Kater“ weiß genau, was für eine Frau er will: „Bedingung m-l WA“, heißt es in der Anzeige, die in einer neuen Ausstellung im Berliner DDR-Museum präsentiert wird.

Kurator Sören Marotz löst das Kürzel auf: „Der wollte eine Partnerin mit marxistisch-leninistischer Weltanschauung.“ Es könnte auch ein versteckter Hinweis gewesen sein, dass ein Stasi-Mann nach einer Gleichgesinnten Ausschau hält, so Marotz.

Die kleine Schau spürt laut Museum dem Zusammenhang zwischen privaten Beziehungen und dem Anspruch der DDR-Führung auf eine umfassende Liebe zu Frieden, Heimat und anderen Völkern nach. Die Sonderausstellung „Liebe, Sex und Sozialismus“ ist vom 28. März bis zum 31. Juli zu sehen.

In 26 Vitrinen werden Aktfotos, Aufklärungsbücher, eine Schallplatte mit Liebesschnulzen, Packungen mit kostenloser Anti-Baby-Pille, Schminkutensilien fürs erste Date und eine Dia-Serie „Strandblicke“ gezeigt. Auf der Schachtel mit den Fotos nackter Frauen steht noch der Preis: 21,65 DDR-Mark.

Ausstellungsleiter Marotz hat auch eine Sammlung mit Liebeszetteln einer siebten Klasse ausfindig gemacht. Die stammt von einem früheren Mitschüler, der die nicht von den Lehrern abgefangenen Kritzeleien über Jahrzehnte aufbewahrt hat. „Ich habe das Liebesfieber“, schreibt eine Diane.

Nur scheinbar haben Liebe und Politik wenig miteinander zu tun, wie der wissenschaftliche Leiter des Museums, Stefan Wolle, meint. Die DDR-Ideologie habe in das Verhältnis von Paaren, den Alltag und die Familienplanung eingegriffen. Die SED-Führung habe nicht nur ihre Mitglieder auf Liebe zum Staat und ewige Treue einschwören wollen.

Allgegenwärtig war in der DDR laut Historiker Marotz die verordnete Liebe zur Sowjetunion. Sie sei durch den Bruderkuss der Staats- und Parteichefs Leonid Breschnew und Erich Honecker symbolisiert. Das Motiv wurde nach dem Herbst 1989 auf die einstige Mauer an der Oberbaumbrücke gemalt und gehört bis heute zur East Side Gallery.

Nun wurde in der Ausstellung eine Vitrine voller Tassen mit dem aufgedruckten Bruderkuss als ironischer Hinweis drapiert. Die Liebe zum „großen Bruder Sowjetunion“ sei Abhängigkeit gewesen, sagt der 45-Jährige. Der Kuss sollte die wahren Machtverhältnisse vergessen machen.

Auch der Verweis auf den einstigen Stasi-Chef Erich Mielke fehlt nicht. Der hatte nach dem Mauerfall im November 1989 in der DDR-Volkskammer gestottert: „Ich liebe doch alle... alle Menschen... ich liebe doch... ich setze mich doch dafür ein...“ Der groteske Auftritt habe die persönliche Hilflosigkeit des DDR-Funktionärs und sein Denken offenbart.

Kurator Marotz sagt, die Geschichte der DDR sei noch nicht zu Ende erzählt. „Das verästelt sich immer mehr.“ Es bleibe wichtig zu zeigen, wie Diktatur und Alltag verzahnt gewesen seien. Für ein nächstes Projekt werden Ostdeutsche gesucht, die im Jahr 1989 geboren wurden.

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Antibabypillen aus der DDR. Foto: Gregor Fischer

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Liebesbriefe einer siebten Klasse. Foto: Gregor Fischer

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