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Endspiel in Berlin: „Die Totengräber“

Berlin. Die Weimarer Republik liegt in den letzten Zügen. Strippenzieher, graue Eminenzen und Volksverführer ringen um die Macht. Das Tagebuch eines Niedergangs.

Endspiel in Berlin: „Die Totengräber“

In den Hinterzimmern der Macht: „Die Totengräber“. Foto: Fischer

In nur zehn Wochen entscheidet sich die Zukunft der Deutschen. Zwischen November 1932 und Ende Januar 1933 suchen Politiker in Berlin nach einem Ausweg aus der schweren Krise, in die die Republik gestürzt ist.

Millionen Menschen im ganzen Land sind arbeitslos. Das Elend ist sichtbarer Alltag in den Straßen der Hauptstadt. Extremisten von links und rechts liefern sich wüste Straßenschlachten. Innerhalb eines Jahres ist der Reichstag zweimal aufgelöst und neu gewählt worden.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht jetzt der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg. Um ihn scharen sich Einflüsterer, Intriganten und rücksichtlose Machtmenschen, die alle ihr eigenes ehrgeiziges Ziel verfolgen. Diese Männer werden zu den Totengräbern der Republik.

Die beiden Journalisten Rüdiger Barth und Hauke Friedrichs haben den letzten Winter der Weimarer Republik als bewegendes Tagebuch protokolliert. Tag für Tag schildern sie die Geschehnisse jener dramatischen Wochen, die letztlich in Hitlers Diktatur mündeten. Dabei fanden die historischen Entscheidungen keineswegs auf offener Bühne statt, sondern in Hinterzimmern.

Die Hauptakteure sind neben Hindenburg der ehemalige Zentrumspolitiker Franz von Papen sowie General Kurt von Schleicher, die nacheinander Kurzzeit-Kanzler der wankenden Republik werden, und Adolf Hitler, der Führer der größten Partei im Reichstag. Dieser hat zwar gerade bei den Novemberwahlen eine spektakuläre Schlappe erlitten, aber sein Ziel nicht aus den Augen verloren: Er will Reichskanzler werden - und zwar ohne Wenn und Aber. Ob und wie Hitler und seine Nationalsozialisten in eine neue Reichsregierung einzubinden sind, das ist die große, alles entscheidende Frage dieser Wochen.

Neben diesen Hauptakteuren gibt es die Nebenfiguren. Zwei davon haben einen engen Zugang zum Reichspräsidenten und spielen deshalb eine Schlüsselrolle: die graue Eminenz Otto Meissner, Leiter des Büros des Reichspräsidenten, und der Hindenburg-Sohn Oskar, den Hitler einmal bissig als „seltenes Abbild von Doofheit“ bezeichnete. Daneben tauchen noch diverse Wirtschafts- und Parteiführer und natürlich Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels auf, dem dieses „Schachspiel um die Macht“ diebische Freude bereitet.

Glücklicherweise beschränken sich die Autoren aber nicht auf die Ränkespiele hinter den Kulissen der Macht. Vielmehr weiten sie den Blick, indem sie außenstehende Beobachter mit einbeziehen, so etwa die beiden Journalistinnen Bella Fromm und Dorothy Thompson oder den amerikanischen Gewerkschafter Abraham Plotkin, dem wir eindrückliche Bilder aus den proletarischen Vierteln Berlins mit ihren dunklen Häuserfluchten verdanken. Er verewigte sie in seinem Buch „An American in Hitler’s Berlin“, eine der vielen Quellen, die die Autoren verwenden haben. Dazu gehören auch Nachrichten über die aktuellen Fußballereignisse oder die Wetterkapriolen jenes Winters, die das Zeitpanorama vervollständigen.

Insgesamt hätte es aber nicht geschadet, den Stoff etwas zu bändigen und auch einmal einige Tage zu überspringen, zumal die langwierigen Ränkespiele mit den vielen Akteuren doch reichlich verwirrend und manchmal auch ermüdend für den nachgeborenen Leser sind. Am Ende der Lektüre bleibt die Erkenntnis, dass es keinerlei Zwangsläufigkeit zu Hitlers Kanzlerschaft und der Machtergreifung der Nationalsozialisten gab. Es hätte in jedem Moment auch alles anders verlaufen können.

Doch im „Schachspiel um die Macht“ erlagen viele Beteiligte dramatischen Fehleinschätzungen, was die Gefährlichkeit Hitlers und der Nazis anbelangte. „Die werden mir bald aus der Hand fressen“, behauptete etwa Schleicher. Und Papen: „Ich habe das Vertrauen Hindenburgs. In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht.“ Das Ende ist bekannt: Schleicher wurde von den Nazis ermordet. Papen wurde als Hitlers Vize schnell entmachtet und ins Ausland abgeschoben. Hindenburg starb 1934. Die Tragweite seiner fatalen Entscheidung hatte er wohl nicht mehr erkannt.

- Rüdiger Barth und Hauke Friederichs: Die Totengräber. Der letzte Winter der Weimarer Republik, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 416 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-103-97325-9.

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