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Frank Schirrmacher im „Portrait“

Berlin. Frank Schirrmacher war ein Ausnahmejournalist. Er starb 2014 im Alter von nur 54 Jahren. Michael Angele hat ein „Portrait“ über ihn geschrieben - der Versuch einer Annäherung.

Frank Schirrmacher im „Portrait“

Frank Schirrmacher (2014). Foto: Fredrik von Erichsen

Frank Schirrmacher war Journalist, aber auch weit mehr als das. Er war ein Vordenker und visionärer Blattmacher, zuletzt Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und Autor von Bestsellern, die Diskussionen auslösten, weit über die Filterblase des Medienbetriebs hinaus.

Er beschäftigte sich lange vor anderen intensiv mit Themen wie der Alterung der Gesellschaft oder der Frage, wie das Internet unsere Art zu denken verändert. Der plötzliche Tod des 54-Jährigen 2014 war für viele ein Schock. Michael Angele hat ein lesenswertes Buch über ihn geschrieben.

„Ein Portrait“ lautet der Untertitel. Der Autor betont, es solle „kein Psychogramm“ sein. Es ist mehr der Versuch einer Annäherung an eine Persönlichkeit, die einerseits aus dem Medienbetrieb herausragte und andererseits Facetten hatte, die nicht gleich zu sehen waren, Schirrmacher aber schon zu Lebzeiten zur Zielscheibe von Kritik machten.

Angele, stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Freitag“ und ehemals Autor für die von Schirrmacher eingeführten Berliner Seiten der FAZ, hat den 1959 in Wiesbaden geborenen Publizisten nicht persönlich kennen gelernt. Er schöpft nicht aus eigenen Erinnerungen, sondern hat für sein Buch unter anderem mit Kollegen und Bekannten Schirrmachers gesprochen. Nicht alle wollten sich mit Namen zitieren lassen.

Denn Angeles „Portrait“ ist nicht immer schmeichelhaft. Er gesteht Schirrmacher zu, Leben in die Bude gebracht zu haben: „In die der FAZ, in die von uns.“ Er habe selbstlos sein können, großzügige Geschenke gemacht, anderen das Gefühl geben können, der wichtigste Mensch auf Erden zu sein.

Er beschreibt ihn als „begnadeten Netzwerker“, aber auch als Machtmenschen, nennt „Rücksichtslosigkeit und Intensität“ zwei wesentliche Züge seiner Persönlichkeit. Kindkaiser sollen ihn manche genannt haben - auch weil er so früh Erfolg hatte.

„Müsste man den jungen Schirrmacher mit einem Wort charakterisieren, träfe es Überflieger am besten“, schreibt Angele. Mit 29 Jahren war Schirrmacher nach seinem Germanistik- und Anglistikstudium bereits Literaturchef der FAZ als Nachfolger des legendären Großkritikers Marcel Reich-Reinicki, mit 34 wurde er Herausgeber der Zeitung.

Bei vielen großen Debatten mischte er mit, ob es um die umstrittene Rechtschreibreform ging oder um die Kritik am Bundespräsidenten Christian Wulff, der schließlich zurücktreten musste. Aber Schirrmacher hat immer auch Themen auf eigene Art verfolgt und auf die Agenda gesetzt. Legendär ist die Ausgabe der FAZ, die im Jahr 2000 im Feuilleton sechs Seiten weitgehend aus Buchstaben-Sequenzen druckte, die das gerade entschlüsselte menschliche Genom darstellten.

Angeles Buch ist keins, durch das man sich quälen muss, im Gegenteil. Er hat vieles zusammengetragen, was über Schirrmacher noch nicht allgemein bekannt war, auch manches Anekdotenhafte, einiges an der Grenze zum Klatsch. So richtig zu fassen bekommt er ihn nicht.

Mit den Themen, die den Journalisten in seinen letzten Jahren fasziniert haben, beschäftigt er sich inhaltlich nur am Rand. Und so ist es dann doch ein bisschen wie bei Marcel Reich-Ranicki, der am Ende des „Literarischen Quartetts“ stets Brecht zitierte: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

- Michael Angele: Schirrmacher. Ein Portrait. Aufbau Verlag Berlin, 222 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-351-03700-0.

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