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Justizirrtum

Freispruch nach 30 Jahren in der Psychiatrie?

DORTMUND/ESSEN Im Fall eines der wohl größten Justizirrtümer der deutschen Rechtsgeschichte kann der Angeklagte Dirk K. nach mehr als 30 Jahren mit einem Freispruch rechnen.

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung stellten am Mittwoch vor dem Dortmunder Schwurgericht einen entsprechenden Antrag. Das Urteil soll am 1. Februar gesprochen werden.

Im Jahr 1986 erschütterte der Mord an dem damals sieben Jahre alten Jungen Nara Michael die Stadt Essen. Kurz nach der Tat nahm die Polizei den psychisch auffälligen Dirk K. als Verdächtigen fest. Und dieser gestand dann auch, das Kind getötet zu haben.

Geständnis widerrufen

Dass der Beschuldigte dieses Geständnis später widerrief, hinderte das Essener Schwurgericht noch im selben Jahr nicht daran, Dirk K. auf unbestimmte Zeit in die geschlossene Psychiatrie einzuweisen. Der damals noch junge Mann wurde wegen Schuldunfähigkeit zwar nicht wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Richter hielten ihn jedoch für so gefährlich, dass sie den unbefristeten Maßregelvollzug anordneten.

Dort war Dirk K. bis 1986 eingesperrt – fast 30 Jahre lang. Und das, obwohl Jahre nach der Tat auch ein anderer Mann den Mord an dem Jungen gestanden hatte. Erst als der Hamburger Rechtsanwalt Achim Lüdeke von der Geschichte erfuhr, nahm der Fall wieder Fahrt auf. Lüdeke beantragte ein Wiederaufnahmeverfahren. Und tatsächlich: Im Mai 2017 begann der neue Prozess am Dortmunder Schwurgericht. Dirk K. war zu diesem Zeitpunkt bereits vorsorglich wieder freigelassen worden.

Hauptangriffspunkt von Lüdeke war das rechtmedizinische Gutachten aus dem ersten Prozess. K. hatte in seinem später widerrufenen Geständnis angegeben, den Jungen in einen Wald gelockt zu haben. Als der Junge laut geschrien habe, habe er ihm den Mund zugehalten und schließlich den Hals zugedrückt. Tatsächlich kamen zwei Rechtsmediziner später zu dem Schluss: Tod durch Erwürgen. Blutige Verletzungen am Hals der Leiche führten sie auf Bisse durch wilde Waldtiere zurück.

Messerstiche statt Tierbisse

Ein weiterer Gutachter kam nun aber zu dem Ergebnis, dass es sich keineswegs um Tierbisse, sondern um Messerstiche handelt. Dieser Umstand ist besonders interessant, weil die Polizei seinerzeit in der Nähe des Tatorts wirklich ein Messer gefunden haben soll. Und: Zehn Jahre nach der Verurteilung von Dirk K. gestand ein weiterer Mann den Mord an Nara-Michael. Und der sagte aus: „Ich habe ein Messer verwendet.“ Für Achim Lüdeke stand damit fest, dass der andere Mann der wahre Mörder sein muss. „In seinem Geständnis steckt eindeutig Täterwissen.“

Dass der inzwischen 53-Jährige Dirk K. noch einmal eingesperrt wird, ist nicht zu erwarten. Nach den Anträgen aller Beteiligten wäre alles andere als ein Freispruch eine absolute Überraschung.

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