Gepanschte Krebsmittel: Wann spricht Peter S.?

Bottroper Apotheker

Vor dem Essener Landgericht hat der Prozess gegen Apotheker Peter S. aus Bottrop begonnen. Auch viele Krebsbetroffene waren gekommen. Sie wollen Antworten – und Gerechtigkeit. Zwischendurch musste das Verfahren wegen eines Befangenheitsantrags unterbrochen werden.

ESSEN/BOTTROP

, 13.11.2017, 11:33 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Angeklagte (l) bespricht sich im Gerichtssaal mit seinen Anwälten. Insgesamt vier Verteidiger beraten ihn.

Der Angeklagte (l) bespricht sich im Gerichtssaal mit seinen Anwälten. Insgesamt vier Verteidiger beraten ihn. © dpa

Als Peter S. am Montagmorgen von zwei Wachtmeistern in den Gerichtssaal gebracht wurde, sah er sich einer „Wand“ von Fotografen, Kamerateams und Journalisten gegenüber. Beeindruckt zeigte sich der 47-Jährige davon aber nicht. Er nahm zwischen seinen vier Verteidigern Platz, eine durchaus beachtliche Zahl an Anwälten, und sah sich gelassen um. Dass er schon fast ein Jahr in Untersuchungshaft sitzt, war dem einst so angesehenen Apotheker nicht anzumerken. Höchstens, dass er offenbar stark abgenommen hat.

Zahlreiche betroffene Kunden sind gekommen

Einige seiner Kunden waren schon früh am Essener Landgericht erschienen. Was ihnen vor allem zu schaffen macht, ist die Ungewissheit. „Wenn ich nur wüsste, was er mir angetan hat“, sagte Heike Benedetti aus Bottrop. Wenn man darüber nachdenke, werde einem ganz anders. „Ich möchte leben, ich möchte überleben und kämpfe dafür, dass es ein gerechtes Urteil gibt.“ Sollten die Vorwürfe stimmen, fühle sie vor allem Verachtung: „Sich an Kranken zu bereichern, das ist eine Katastrophe.“

Das Foto zeigt eine der Krebsbetroffenen vor dem Gericht – Heike Benedetti aus Bottrop.

Das Foto zeigt eine der Krebsbetroffenen vor dem Gericht – Heike Benedetti aus Bottrop. © Jörn Hartwich

Auch Cornelia Thiel aus Marl war zum Prozessauftakt erschienen. Über den angeklagten Apotheker sagte sie vor Verhandlungsbeginn: „Ich möchte, dass er nachempfinden kann, was er für ein Leid über krebskranke Menschen gebracht hat.“ Ihr eigenes Leid sei die Ungewissheit. „Ich möchte wissen, ob er mir Lebensjahre geklaut hat.“

Zuständigkeit und Unterbrechung

Ihr Anwalt, Siegmund Benecken, spricht bereits von Mordversuch. Der Angeklagte habe „aus grenzenloser Menschenverachtung und eiskaltem Gewinnstreben“ gehandelt, so Benecken. Es gehe um Mordversuch. Das Verfahren gehöre deshalb vor das Schwurgericht, das über entsprechend schwerwiegende Anschuldigungen verhandelt und nicht vor die Wirtschaftsstrafkammer des Essener Landgerichts.

Die Staatsanwaltschaft wirft Peter S. dagegen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz, Betrug zulasten der Krankenkassen und als versuchte Körperverletzung vor. Als Tötungsdelikt seien die Taten nicht zu bewerten, weil die Wirkung der Medikamente nicht eindeutig festzustellen sei.

Zwischenzeitlich war der Prozess am Mittag unterbrochen worden: Weil einer der Schöffen vor seinem Ruhestand „16 Jahre lang in Bottrop in einer Apotheke tätig war“, gab es gegen ihn einen Befangenheitsantrag von einem der Anwälte von Peter S. Der Schöffe soll den Worten des Anwalts zufolge auch die Eltern von Peter S. persönlich kennen. Beides ist dem Gericht jedoch seit Langem bekannt. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass der Befangenheitsantrag Erfolg hat.

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Peter S. sitzt in Untersuchungshaft, zum Prozess wird er von Polizeibeamten in den Gerichtssaal eskortiert.

Peter S. sitzt in Untersuchungshaft, zum Prozess wird er von Polizeibeamten in den Gerichtssaal eskortiert. © dpa

Apotheker Peter S. wird vorgeworfen, zwischen 2012 und 2016 Krebsmedikamente unterdosiert, bei den Krankenkassen aber voll abgerechnet zu haben. Im Prozess geht es um fast 62.000 Fälle. Der Schaden, der den gesetzlichen Krankenkassen entstanden ist, beläuft sich laut Anklage auf rund 56 Millionen Euro.

Der mutmaßliche Skandal war von zwei Mitarbeitern des Angeklagten aufgedeckt worden. Ob sich der Angeklagte zu den Vorwürfen äußern wird, ist noch unklar. Eine mögliche Aussage wird frühestens am Montagabend erwartet.

Schärfere Kontrollen gefordert

Die Stiftung Patientenschutz forderte von Bund und Ländern, solche Schwerpunktapotheken für Krebsmedikamente schärfer zu kontrollieren. Deutschlandweit gebe es 300 dieser Apotheken, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Anders als bislang müsse jede viermal im Jahr durch einen Amtsapotheker kontrolliert werden. Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte nach Bekanntwerden der Vorwürfe bereits verbesserte Regelungen bei der Apothekenüberwachung angekündigt.

Das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIV hat zusammen mit dem ARD-Magazin Panorama ein halbstündige Dokumentation zu dem Fall erstellt.

Peter S. war schon einmal im Visier
  • Bereits 2013 war gegen den Bottroper Apotheker eine gleich gelagerte Anzeige wegen angeblich gepantschter Krebsmittel eingegangen. Die Ermittlungen waren jedoch eingestellt worden.
  • Peter S. hatte sich damals gegen die ungeheuerlichen Anschuldigungen verwehrt und über seinen Anwalt erklären lassen, „er käme nicht im Traum auf die Idee, Krebspatienten Schaden zuzufügen“.
  • Im Zuge der neuen Ermittlungen hatte eine weitere Assistentin von S. der Polizei im Oktober 2016 einen von ihrem Chef frisch hergestellten Infusionsbeutel übergeben. Laboruntersuchungen ergaben, dass kein Krebsmittel-Wirkstoff enthalten war.
  • Für diesen Hinweis und weitere Enthüllungen werden die Assistentin und ein Kollege im Dezember mit dem „Whistleblower-Preis 2017“ ausgezeichnet.