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Hoffnungslosigkeit bei Mitarbeitern in Rheine

RHEINE Das Drama war abzusehen - spätestens seit der kleinen Notiz, die Ende vergangener Woche am Schwarzen Brett auftauchte. Die Produktion werde eingestellt, hieß es da lapidar. Doch die Karmann-Belegschaft in Rheine klammerte sich bis zuletzt an jeden Strohhalm - bis gestern, 10 Uhr.

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Hoffnungslosigkeit bei Mitarbeitern in Rheine

Sorgenvolle Blicke nach dem Schichtwechsel am Mittag: Von den 1040 Karmann-Mitarbeitern in Rheine sollen im kommenden Jahr 900 entlassen werden.

 

Erst langsam realisieren die Männer und Frauen das Ausmaß der Nachricht. Bedrückt und mit gesenkten Köpfen stehen sie in der Vormittagspause auf der Wiese vor der großen Produktionshalle. Viele telefonieren aufgeregt mit Familien und Freunden. Andere reden. So mancher schweigt. Dann müssen sie gemeinsam zurück an ihren unsicheren Arbeitsplatz. Eineinhalb Stunden noch, an diesem dunklen Montag.

Flucht vom Gelände

13.15 Uhr. Schichtwechsel. Im Laufschritt strömen die Mitarbeiter vom Gelände: Hoffnungslosigkeit in den Augen, die Gesichter ebenso aschfahl wie die Karmannsche Arbeitskluft. Die meisten wollen nur weg, nach Hause – doch da wartet auf viele die nächste Bürde: die Aussprache mit der Familie.

"Das ist ein Schlag in den Magen"

Renate Dierkes stehen die Tränen in den Augen. „Das ist ein richtiger Schlag in den Magen“, sagt die 43-Jährige. Und dann ganz leise: „Wo sollen denn all die Leute hin?“ In einen Sozialplan setzt sie keine großen Hoffnungen. „Das ist doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, meint Dierkes und geht resigniert in Richtung Parkplatz.

Manfred Spielmann (56 stehen nicht die Tränen in den Augen, sondern die Wut ins Gesicht geschrieben. „Die Stimmung ist natürlich richtig mies. Viele sind böse, dass wir von Audi hängen gelassen wurden. Die haben Karmann urplötzlich keine Aufträge mehr gegeben“, sagt Spielmann, seit zehn Jahren Prüfer in der technischen Planung. Das Problem sei, dass die Leute bis zuletzt gehofft hatten – jetzt allerdings sieht Spielmann „rabenschwarz“: „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es weiter gehen soll ...“

Schulden im Nacken

„Ich bin bei uns die Alleinverdienerin, wir haben erst vor fünf Jahren ein Haus gekauft. Wie sollen wir denn jetzt die Schulden abbezahlen?“, fragt eine 42-jährige Angestellte schluchzend. Die Mutter einer 14-jährigen Tochter ist seit 1984 bei Karmann angestellt. Jetzt ist das Ende für sie absehbar, ein Neuanfang nicht in Sicht. Ein Familien-Schicksal. Eines von 900.

Firmenchef Wilhelm Karmann überbringt die schlimme Botschaft. Von 1040 Mitarbeitern werden 900 im kommenden Jahr entlassen. Kein Aufschrei geht durch die Belegschaft, keine Faust reckt sich zum Streik. Schockiertes Schweigen, stiller Schrecken. „Es war keine Überraschung, aber natürlich wollte keiner diesen Tag erleben“, sagt Heinz Pfeffer, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Rheine.

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