Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige

Keime in Krankenhaus

Informations-Panne nach Frühchen-Tod?

BREMEN Drei Babys von nicht einmal 1000 Gramm Gewicht sterben auf einer Bremer Intensivstation an einem resistenten Keim. Während Experten nach der Quelle suchen, rückt die Frage in den Vordergrund: Sind alle Informationen rechtzeitig an die richtigen Stellen gegeben worden?

Anzeige
/
Drei Frühchen sind nach Medienangaben in einem Bremer Krankenhaus gestorben.

Drei Frühchen sind nach Medienangaben in einem Bremer Krankenhaus gestorben.

Eine Hinweistafel vor der Frauenklinik im Klinikum Bremen-Mitte in Bremen.

Der Schock über den Tod von drei winzigen frühgeborenen Babys sitzt tief. Krankenhausleitung und Behörden suchen nach der Infektion im Bremer Klinikum Mitte ebenso ratlos wie fieberhaft nach der Quelle des multiresistenten Bakteriums. Gleichzeitig entbrennt eine Debatte über die Frage, ob alle Informationen rechtzeitig an die richtigen Stellen gegeben wurden.Rückschlag nach ersten Erfolgen Weil Infektionen bei Frühgeborenen nach Angaben der Ärztlichen Geschäftsführerin, Brigitte Kuss, kaum zu verhindern sind, gingen die Ärzte nach ersten Fällen Ende Juli und Anfang August nach den bestehenden Hygiene- und Behandlungsstandards vor. Ein Baby starb am 8. August, doch dann schienen die Maßnahmen zu greifen. Die Lage entspannte sich, bis sich das Bakterium plötzlich erneut ausbreitete. Am 7. September informierte die Klinik nach Angaben von Sprecherin Karen Matiszick das Gesundheitsamt. Am 16. und 27. Oktober starben zwei weitere Frühchen. Nachgewiesen wurde der Keim bei insgesamt 15 Neugeborenen auf der Intensivstation, sieben von ihnen erkrankten schwer. Den vier Überlebenden geht es inzwischen besser.Kritik an Termin der Veröffentlichung Dass sich die Klinikleitung und die Gesundheitsbehörde erst am Mittwoch entschlossen, die Öffentlichkeit zu informieren, sorgt für Aufregung. Die zuständige Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) bemängelte im Verwaltungsausschuss der Bürgerschaft, dass sie erst jetzt von dem Fall erfahren habe. Medienberichten zufolge meinte die Senatorin damit die Klinikleitung. Ihre Sprecherin, Karla Götz, versucht am Donnerstag, die Wogen zu glätten. Es gehe in erster Linie darum, die Quelle der Infektion zu finden und auszuschalten. Danach müsse aufgeklärt werden, ob es Informationspannen gegeben habe. Offensichtlich muss die Senatorin dabei auch in ihrem eigenen Haus suchen. Götz bestätigt, dass in ihrem Zuständigkeitsbereich liegende Gesundheitsamt habe frühzeitig von dem Ausbruch der Infektion gewusst. Nach Angaben der Ärztin Kuss sterben mehr als 50 Prozent der Frühchen mit so geringem Gewicht. „Das ist Medizin an der Grenze des Lebens“, sagt sie. Ohne Intensivmedizin hätte keines dieser Babys eine Überlebenschance. Infektionen bei den Winzlingen, deren Immunsystem noch nicht leistungsfähig ist, seien kaum zu vermeiden.Nicht erkannte Quelle im Haus Warum ist der Bremer Fall besonders schwerwiegend? Drei unterschiedliche Bakterien hätten die Mediziner nicht so ratlos gemacht. Aber es handelt sich in allen Fällen um exakt die gleiche Mutation. Das heißt, es gibt eine nicht erkannte Quelle, die auch durch alle ergriffenen Hygienemaßnahmen nicht ausgeschaltet werden konnte. Konsequenz: Weitere Fälle sind möglich. Die Quelle können auch Menschen sein, die mit den Neugeborenen umgehen. Die Lösung des Problems erhoffen sich die Verantwortlichen des Bremer Klinikums von Experten des Robert-Koch-Instituts. Dieses verfügt über große Erfahrung und wird immer dann zur Hilfe gerufen, wenn betroffene Einrichtungen nicht mehr weiter wissen. Der Bericht des Instituts soll Mitte bis Ende November vorliegen. Das sagte Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) am Donnerstag in Bremen. Dann werde sich auch die Bürgerschaft in einer Sonderdeputation damit befassen. Die Vorfälle riefen auch die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Der Sprecher der Behörde, Frank Passade, bestätigte, die Ermittler hätten erst am Mittwoch durch Medienberichte davon erfahren. Jetzt soll zunächst ein medizinischer Sachverständiger die Akten prüfen.Überfordertes Personal Klaus-Dieter Zastrow von der Gesellschaft für Krankenhaushygiene forderte im ZDF-„Morgenmagazin“ ausreichend Personal für bessere Hygiene in Krankenhäusern. „Wir haben oft eine personelle Unterbesetzung, dann kann man manches nicht mehr so sorgfältig machen.“ Es fehle gerade in den Frühchen-Stationen nicht an Wissen um Hygiene-Standards. Vielmehr sei das Personal meist überfordert, weil zu wenig Menschen sich um zu viel kümmern müssten. Ob das auch in Bremen der Fall war, sei aber noch unklar.Traurige Wiederholungen Immer wieder sorgen Todesfälle von Frühchen in Kliniken bundesweit für Aufsehen. Anfang Oktober hatte sich ein frühgeborener Junge in der Passauer Kinderklinik mit einem multiresistenten Keim angesteckt und war gestorben. Drei andere Säuglinge, die sich ebenfalls infiziert hatten, wurden wieder gesund. Im August 2010 hatte bereits der Tod von drei Babys in der Mainzer Uniklinik für Aufregung gesorgt. Zwei von ihnen kamen wegen einer verseuchten Nährlösung um. Das dritte Kind erlag seinen Vorerkrankungen. Die Klinik traf den Ermittlungen zufolge keine Schuld.Immer mehr Frühgeburten Die Zahl von Frühgeburten hat in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen. Inzwischen ist fast jedes zehnte neugeborene Kind ein sogenanntes Frühchen. Als Frühgeburt gelten Kinder, die vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche lebend auf die Welt kommen.

/
Drei Frühchen sind nach Medienangaben in einem Bremer Krankenhaus gestorben.

Drei Frühchen sind nach Medienangaben in einem Bremer Krankenhaus gestorben.

Eine Hinweistafel vor der Frauenklinik im Klinikum Bremen-Mitte in Bremen.

Anzeige
Anzeige