Jürgen Vogel: „Ötzi war nicht irgendein Höhlenmensch“

Film „Der Mann aus dem Eis“

In „Kleine Haie“ hat Jürgen Vogel seine Hüllen fallen lassen – für seine neue Rolle muss er sich in Felle hüllen. Der Schauspieler spielt in dem Kinofilm „Der Mann aus dem Eis“ den Ötzi. Im Interview erzählt er von seiner spirituellen Seite, dem Prinzip Rache und roher Gewalt.

Dortmund

, 10.12.2017, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min
Für seine Rolle als Steinzeitmensch musste Jürgen Vogel üben, mit Pfeil und Bogen zu schießen.

Für seine Rolle als Steinzeitmensch musste Jürgen Vogel üben, mit Pfeil und Bogen zu schießen. © picture alliance / Urs Flueeler/

Selbst für einen altgedienten Charakterschauspieler wie Jürgen Vogel dürfte es eine völlig neue Erfahrung gewesen sein: Im historischen Rache-Drama „Der Mann aus dem Eis“ schlüpft der 49-Jährige in Fellkostüme, um die letzten Tage im Leben jenes jungsteinzeitlichen Jägers zu rekonstruieren, dessen gut erhaltene Mumie 5300 Jahre später in Südtirol gefunden und „Ötzi“ getauft werden wird. Im Interview erzählt der Schauspieler von seiner spirituellen Seite, dem Prinzip Rache und roher Gewalt.

Sie haben sehr schnell für dieses Projekt zugesagt. Sicher war es reizvoll. Aber war es nicht auch ein wenig beängstigend, weil es schnell unfreiwillig komisch hätte werden können?

(lacht) Bei allen Projekten, die das Potenzial haben, cool und klasse zu werden, besteht immer auch die Möglichkeit des Scheiterns. Wenn man sich extrem aus dem Fenster lehnt, kann man etwas ganz Tolles entdecken – oder mächtig aufs Maul fallen. Ich finde, eine solche Herausforderung sollte man immer annehmen und sich trauen. Aber Sie haben Recht: Theoretisch hätte es völlig in die Hose gehen können.

Über die Lebensumstände von Ötzis Zeitgenossen ist wenig bekannt. Wie konnten Sie sich ein Bild von dieser Welt schaffen?

Es gibt schon ein paar Sachen, die man zusammengesammelt hat. Man weiß, dass Ötzi ein guter Jäger war und wie er zu Tode gekommen ist. Man weiß, mit welchen Utensilien er gearbeitet hat und wie seine Klamotten ausgesehen haben. Er hatte sogar Nähzeug dabei, um sie notfalls flicken zu können. Außerdem hatte der Mann fast 70 Tätowierungen, teilweise auch auf dem Rücken. Wir reden hier von einer Zeit vor 5300 Jahren. Er hatte die Tätowierungen sicher nicht nur, um schön auszusehen. Es muss irgendeinen Grund gehabt haben. Man vermutet, dass dabei ein gewisser Glaube oder bestimmte Riten eine Rolle gespielt haben. Das hat uns die Möglichkeit gegeben, auch in diese Richtung zu erzählen. Bestimmte Parameter waren also klar. Es war eine relativ hochentwickelte Kultur. Und wir haben uns darauf aufbauend eine Geschichte ausgedacht, wie es hätte sein können.

Es gibt kritische Stimmen, die beispielsweise das Heiligtum des Filmes für viel zu fein gearbeitet halten. Warum darf Tarantino in „Inglourious Basterds“ Hitler und Konsorten töten und alle finden es gut, während man bei deutschen Produktionen jede Kleinigkeit auf die Goldwaage legt?

Unwissenheit führt oft zu Dummheit. (lacht) Nee, im Ernst. Wahrscheinlich waren diese Kritiker nicht im Museum von Bozen. Wenn man dort sieht, wie die Pfeilspitzen gearbeitet waren, die man bei Ötzi gefunden hat, dann sind die viel filigraner als unser Kasten. Sie sind aus Stein und messerscharf. Man hat auch sein Messer gefunden und eine Beilklinge aus Kupfer. Das waren nicht irgendwelche Höhlenmenschen. Aber natürlich darf man jeden Film kritisieren. Und es gibt immer etwas, was man noch hätte besser machen können. Jeder spielt mit den Mitteln, die er hat, zu dem Zeitpunkt, an dem er etwas tut. Und man versucht, das Beste daraus zu machen. Und gerade was Requisiten, Kostüm, Ausstattung und Maske betrifft, stehe ich sowas von dahinter. Es war grandios, auch während der Arbeit Materialien zu haben und benutzen zu dürfen, die alle funktionieren. Klamotten, die warm halten. Ich war ja auch abhängig von diesen Sachen. Und sie waren sehr beeindruckend.

Das Prinzip Rache ist nach wie vor fest im Kleinhirn des Menschen verankert. Manche Staaten praktizieren es in Form der Todesstrafe. Welchen Standpunkt haben Sie zu diesem Thema?

Ich bin überhaupt nicht für die Todesstrafe. Aber Rache ist in unserem Film natürlich ein großes Motiv. Als Emotion finde ich sie nachvollziehbar. Aber vom gesellschaftlichen Standpunkt aus bin ich natürlich dagegen. Eine Gesellschaft darf nicht so handeln. Sie hat ja auch eine Vorbildfunktion. Wir ziehen unsere Kinder damit groß, dass es Unrecht ist, andere Menschen zu töten. Dann darf sich ein Staat diese Freiheit erst recht nicht herausnehmen. Das ist doch absurd. Es funktioniert in Amerika ja auch nicht so gut. Da bin ich sehr froh, dass wir hierzulande leben.

Kelab (Jürgen Vogel) will in dem Film „Der Mann aus dem Eis“ Rache für den Tod seiner Frau und seines Sohnes. Foto: Martin Rattini/Port au Prince Pictures/dpa

Kelab (Jürgen Vogel) will in dem Film „Der Mann aus dem Eis“ Rache für den Tod seiner Frau und seines Sohnes. Foto: Martin Rattini/Port au Prince Pictures/dpa

Aber als Familienvater denkt man durchaus darüber nach, wie man reagieren würde, wenn jemand Frau und Kindern etwas zuleide täte.

Solche Gedanken sind absolut nachvollziehbar. Wir wollen die Zuschauer mit dem Film genau auf diese Reise mitnehmen. Man soll jede Emotion verstehen. Aber wir haben ja eben über eine Gesellschaft geredet. Und eine Gesellschaft muss einfach besser sein als das Individuum. Ein Staat verschafft sich nicht nur dadurch Autorität, dass er Dinge verbietet. Er muss ein Vorbild sein und eine Lösung für die Probleme dieser Welt finden. Nicht die schnelle, kurze Lösung, die eigentlich keine ist. Niemand kommt dadurch zurück.

Ist eine Botschaft des Filmes, dass der Glaube die Menschen ins Verderben führen kann?

Das würde ich so nicht sagen. Man sollte nicht im Namen des Glaubens töten. Der Glaube an sich ist nicht daran schuld. Das Töten kann nie zum Ziel führen. Der Glaube bietet einer Gesellschaft die Möglichkeit des Zusammenhaltens. Vor allem in den ärmsten und krisengeschüttelten Regionen dieser Welt ist der Glaube ein sicherer Halt für viele Menschen.

Haben Sie eine spirituelle Seite?

Ich glaube, dass jeder Mensch irgendwo die Hoffnung auf Erlösung in sich trägt. Dass es etwas gibt, das über dem steht, was man mit den Händen greifen kann. Es existiert eine große Sehnsucht danach. Ich bin kein Kirchengänger, aber ich glaube schon, dass es eine positive Kraft gibt, irgendetwas Gutes. Man merkt, dass man Gutes zurückbekommt, wenn man etwas Gutes macht. Und etwas Schlechtes, wenn man Schlechtes tut. Aber natürlich kriegt man auch mal grundlos auf den Deckel.

Gibt es Momente, in denen man die Kameras ausblenden kann und denkt: So war es also!

Es muss Momente geben, in denen du das ganze Drumherum vergisst und hier und jetzt versuchst, etwas herzustellen, was damals hätte passieren können. Dazu muss man sich vorstellen können, wie es gewesen ist, damals in einer solchen Situation zu sein. Dabei hilft es, wenn du auch tatsächlich frierst, wenn du wirklich wandern musst, wenn du angestrengt und fertig bist. Man kann nicht nur so tun als ob, man muss physisch wirklich arbeiten. Wir haben nicht in einer Garage vor einem Greenscreen gestanden und der Rest wird digital hinzugefügt. Man stand wirklich auf den Bergen, 2700 Meter hoch, und wackelte über den Kamm. Das sind tolle Erfahrungen.

Die Gewaltdarstellung im Film ist dem Thema entsprechend sehr roh. Verharmlost nicht gerade das „saubere“ und schnelle Töten im aktuellen Kino die Gewalt?

Ich finde es besser, wenn ein Prozess der Grausamkeit fühlbar wird, wenn man ihn schon darstellt. Es ist eine Geschmackssache, und es existieren verschiedene Varianten. Es gibt dieses comicartige Sterben im Film. Wenn man sich vom Realismus entfernt, wird es plakativ. Vielleicht kann man dann die FSK besser bescheißen, ich weiß nicht. Ich finde, dass die Gewalt, die wir zeigen, der Brutalität dieser Zeit und der Natur angepasst ist. Dem Wesen des Menschen eben.

Wenn Sie Ötzi eine Frage stellen könnten, welche wäre das?

Ich möchte natürlich wissen, wer ihn erschossen hat.

„Der Mann aus dem Eis“ (Regie und Drehbuch von Felix Randau), in dem Jürgen Vogel die Hauptrolle spielt, ist vergangene Woche in den deutschen Kinos angelaufen. Vor 5300 Jahren in der Jungsteinzeit lebte eine Großfamilie friedlich an einem Bach in den Ötztaler Alpen. Ihrem Anführer Kelab (Jürgen Vogel) obliegt es, den heiligen Schrein zu verwahren. Während Kelab auf der Jagd ist, wird seine Siedlung überfallen und die gesamte Sippe ermordet, darunter auch Kelabs Frau (Susanne Wuest) und sein Sohn. Auch das Heiligtum der Gemeinschaft wird geraubt. Getrieben von Schmerz und Wut hat Kelab nur noch ein Ziel: Vergeltung. Kelab folgt den Spuren der Täter. Auf seiner Odyssee durch das Gebirge ist er den Gefahren der Natur ausgesetzt. Ein tragischer Irrtum macht ihn selbst zum Gejagten. Schließlich steht Kelab nicht nur den Mördern seiner Familie, sondern auch sich selbst gegenüber. Wird er seinem Drang nach Rache nachgeben und selbst zum Täter? Oder gelingt es ihm, den ewigen Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen?