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Kein neues Bahn-Angebot

BERLIN Der Tarifkonflikt zwischen der Deutschen Bahn und der Gewerkschaft Deutscher Lokführergewerkschaft (GDL) eskaliert. Margret Suckale, Personalvorstand der Deutschen Bahn AG, erklärt im Interview, warum ihr Unternehmen kein neues Angebot vorlegen wird und warum sich der Bund aus ihrer Sicht nicht in den Tarifstreit einmischen sollte.

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Kein neues Bahn-Angebot

Margret Suckale

Festgefahrene Situation im Tarifstreit: GDL-Chef Manfred Schell hat die Bundeskanzlerin zum Eingreifen aufgefordert. Kommen die Tarifpartner alleine nicht mehr weiter?

Suckale: Die Tarifautonomie muss gewahrt bleiben. Sie wurde von den Gewerkschaften erkämpft – daher ist es absurd, wenn die GDL jetzt nach politischen Eingriffen ruft. Leider ist die GDL zu ihren Maximalforderungen zurückgekehrt: Mindestens 31 Prozent mehr Lohn und eigenständiger Tarifvertrag nicht nur für die Lokführer, sondern für das gesamte Fahrpersonal. Damit stehen wir wieder am Anfang des Konflikts.

Die GDL hat ein Ultimatum gestellt: Bis heute, 13 Uhr, müsse ein Angebot vorliegen, sonst werde wieder gestreikt.

Suckale: Wir haben der GDL bereits drei Angebote gemacht, zuletzt zehn Prozent mehr Lohn. Das steht. Ein weiteres Angebot werden wir nicht vorlegen. Wir sind an die Grenze des Möglichen gegangen. Mehr ist nicht drin. Würden wir der GDL-Forderung nachgeben, müssten wir für 8000 Streikwillige 230 000 andere Mitarbeiter vor den Kopf stoßen. Schon jetzt ist der Betriebsfrieden erheblich gestört. Aber wir sind jederzeit bereit, auf der Grundlage unserer Angebote zu verhandeln. Jetzt muss sich die GDL bewegen. Wir stellen uns auf weitere Streiks ein, deren Leidtragende unsere Kunden sind.

Ihr Angebot von zehn Prozent mehr Lohn ist geknüpft an Mehrarbeit – die GDL aber will die Arbeitszeit verkürzen. Wo ist da ein Ausweg?

Suckale: Bei unseren Wettbewerbern, die bis zu 25 Prozent niedrigere Löhne bezahlen, schließt die GDL Tarifverträge mit zwei bis drei Prozent Lohnerhöhung und Mehrarbeit von einer Stunde pro Woche ab. Bei uns fordert sie ein Vielfaches. Würde sich die GDL mit ihrer Forderung von mindestens 31 Prozent mehr Lohn durchsetzen, wären bei uns 9000 Stellen gefährdet. Schon jetzt sind Arbeitsplätze gefährdet, weil uns Aufträge verloren gehen. Jeder Streiktag kostet uns Millionen. Die GDL nimmt damit in Kauf, dass wir Aufträge an Wettbewerber auf Schiene und Straße verlieren.

Die Vorstandsgehälter bei der Bahn haben sich seit 1994 verdreifacht. Sind die GDL-Forderungen tatsächlich so unangemessen?

Suckale: Die Vorstandsgehälter werden vom Aufsichtsrat festgelegt. Sie liegen im Vergleich zu Unternehmen unserer Größe im unteren Drittel und hängen zu 70 Prozent vom Erfolg des Unternehmens ab. Gerne würden wir über einen leistungsabhängigen Lohnanteil auch für unsere Tarifmitarbeiter sprechen. Mit dem Börsengang werden wir unseren Mitarbeitern Belegschaftsaktien anbieten – ein gutes Mittel, um sie stärker am Erfolg des Unternehmens zu beteiligen.

Bei den Zahlen signalisiert die GDL Gesprächsbereitschaft – nur ein eigenständiger Tarifvertrag sei Bedingung. Können Sie ihr hierbei entgegen kommen?

Suckale: Bei diesem Tarifkonflikt geht es um mehr als eine reine Lohnrunde. Die Tarifeinheit in Deutschland soll zerstört werden. Bei einem Erfolg der GDL würde sich eine Vielzahl von Splittergewerkschaften bilden, die die Bahn das ganze Jahr durch Streiks lahm legen könnten. Vergleichbare Entwicklungen wird es dann auch in anderen Branchen geben. Das wird dem Standort Deutschland erheblich schaden.

Am letzten Freitag haben Sie mit ganztägigen Notfahrplänen auf den dreistündigen Streik reagiert. Hat das die Folgen nicht noch verschärft?

Suckale: Im Gegenteil. Wir bewegen jeden Tag 40 000 Züge. Um unseren Kunden auch am vergangenen Freitag einen verlässlichen Fahrplan anbieten zu können, sind wir nach einem Ersatzfahrplan gefahren. So lief es den ganzen Tag zwar eingeschränkt, aber zuverlässig. Wenn in dieser Woche wieder gestreikt wird, sind wir erneut vorbereitet. Leider wussten nicht alle Kunden, dass der Ersatzfahrplan den ganzen Tag über gilt. Diese Information werden wir verbessern.

Die GDL droht, Streiks künftig nicht mehr so lange vorher anzukündigen. Wie schnell können Sie reagieren?

Suckale: Die GDL-Führung zwingt uns dann zu neuen Ersatzfahrplänen, um die Streikfolgen beherrschbarer zu machen. Betroffen sind wieder die Kunden, die wir nicht mehr vorwarnen können – in erster Linie Millionen Pendler, die nicht rechtzeitig zur Arbeit kommen.

Und verhandelt wird so lange nur vor Gericht?

Suckale: Wir wollen den Streit nicht vor Gericht austragen und auch das Streikrecht nicht antasten. Allerdings müssen wir alles tun, um Schaden vom Unternehmen fern zu halten. Außerdem stehen wir bei unseren Kunden im Wort. Wenn die GDL auch den Fern- und Güterverkehr hätte bestreiken dürfen, wäre Deutschland lahm gelegt worden. Zum Glück hat dies das Arbeitsgericht Chemnitz untersagt. Wir prüfen, in Berufung zu gehen, denn wir halten auch den Streik im Regionalverkehr für die Interessen von 8000 Streikwilligen für unverhältnismäßig.

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