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Kiffende Jugend macht Sorgen

Cannabis

Vermehrt fallen in Legden Jugendliche auf, die in der Öffentlichkeit Cannabis konsumieren. Es gibt viele Lösungsansätze. Und Rat von einer Expertin.

Legden

, 29.06.2018
Kiffende Jugend macht Sorgen

Das Sozialraumteam hat Sahra Pol für einen Vortrag nach Legden eingeladen: (v.l.) Franz Voß, Johanna Frenk, Julia Marpert, Dieter Berkemeier, Sandra Berlekamp, Sahra Pol und Johannes Kuiper. © Ronny von Wangenheim

Vermehrt sind in den vergangenen Monaten Jugendliche aufgefallen, die gemeinsam Hasch oder Marihuana rauchen. „Jeder weiß, wo sie sich treffen“, sagte eine Mutter bei einem Informationsabend für Eltern „Wenn Jugendliche Cannabis nehmen“, zu dem das Sozialraumteam Legden am Dienstag ins Haus Weßling eingeladen hatte. Die Resonanz war allerdings sehr gering. „Die Hemmschwelle ist zu groß“, vermutete eine Mutter, „Legden ist ein Dorf, da ist es schwierig.“

Dramatisieren will keiner die Lage. Dass Jugendliche Cannabis ausprobieren, das gibt es überall. „In Legden ist jetzt gerade eine Welle angekommen“, sagte Sandra Berlekamp, die sich beim Kreis Borken um Kinder- und Jugendförderung kümmert. Das werde sich auch wieder ändern.

Sozialraumteam

Es ist wohl vor allem eine Gruppe, die öffentlich auftritt. „Wie können wir sie erreichen“, das ist die Frage, die sich das Sozialraumteam stellt. Dazu gehören neben Sandra Berlekamp Julia Marpert vom Allgemeinen Sozialen Dienst des Kreisjugendamtes, die beiden Schulsozialarbeiter Johanna Frenk und Franz Voß, Johannes Kuiper als Leiter des Jugendhauses Pool und Dieter Berkemeier als Vertreter der Gemeinde. In der Vergangenheit gab es außerdem Treffen mit Ordnungsamt, Polizei und Schulleitung der Sekundarschule. Nach den Ferien, so Dieter Berkemeier, will man sich wieder treffen und schauen, wie sich die Lage über den Sommer entwickelt hat.

Kiffende Jugend macht Sorgen

Eine der Maßnahmen war es, die Sekundarschule in Legden im hinteren Teil mit einem Zaun abzutrennen. © Markus Gehring

Die Jugendlichen erreichen, das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist eine Maßnahme, sie von öffentlichen Treffpunkten abzuhalten. Nachdem es im Bereich der Sekundarschule an der Weishauptstraße zu mehreren Fällen von Vandalismus kam, wurde ein Zaun errichtet. Der Schulhof ist seit einiger Zeit nach Schulschluss nur noch von der Zufahrt aus Richtung der Straße Fliegenmarkt zu erreichen.

Auch der Dahliengarten ist nachts abgeschlossen, nachdem es auch dort zu Vandalismus kam und oft Müll hinterlassen wurde. In der Nähe des Jugendhauses Pool trafen sich in der Vergangenheit auch schon mal Jugendliche. Johannes Kuiper sagt, dass dies jetzt nicht mehr so ist: „Wir haben sie immer wieder direkt angesprochen. Das war ihnen wohl zu viel Beobachtung.“ Im Jugendhaus Pool selbst sind Drogen nicht erlaubt. „Null Toleranz“, sagt Kuiper, schließlich habe man den Kindern und Jugendlichen gegenüber eine Fürsorgepflicht. Auch präventiv werde das Thema Drogen immer wieder mal angesprochen.

Coole Projekte helfen

Im Gespräch mit der Suchtberaterin Sahra Pol, die den Vortrag hielt, wurden andere Ideen angedacht, wie man mit den Jugendlichen in Kontakt kommt. Gute Erfahrung, so Sahra Pol, wurde in anderen Kommunen mit attraktiven Projekten gemacht. Graffitikunst statt Vandalismus und Schmierereien, so könnte man ein Beispiel verkürzt darstellen. Sahra Pol: „Man kriegt Jugendliche nur über Bestätigung“.


Das Interview

Sahra Pol arbeitet für das Diakonische Werk im Suchthilfezentrum in Gronau. Im Gespräch mit Redakteurin Ronny von Wangenheim spricht sie über Cannabis, Suchtgefährdung und darüber, was Eltern tun können.

Welche Wirkung hat Cannabis?

Bei Gelegenheitsrauchern kann es Hochgefühle auslösen. Man wird entspannt, ausgeglichen. Eine intensivere Wahrnehmung und bessere Kontaktfähigkeit sind auch zu nenen. Jugendliche haben mir gesagt: „Ich kann viel tiefsinniger über meine Probleme nachdenken.“ Auch Musik wird oft anders wahrgenommen.

Aber bei diesen ja eigentlich positiven Folgen bleibt es nicht?

Stimmt. Bei regelmäßigem Konsum kann es zu Ruhelosigkeit kommen, zu Sinnestäuschungen, Orientierungsverlust, Angst und Panik. Das ist auch verständlich. Man weiß ja, dass es verboten ist, und fürchtet, erwischt zu werden.

Wie sieht es denn mit den Risiken aus?

Rein körperlich hat Cannabis erst einmal weniger Spätfolgen als Alkohol. Das Glas Wein am Freitagabend baut sich über den ganzen Körper ab, bei Cannabis geht der Abbau nicht über die Leber. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand an Cannabis gestorben ist.

Also alles gut?

Natürlich nicht. Bei regelmäßigem Konsum verändert sich der Blutdruck, steigt die Herzfrequenz, die Atemwege sind belastet. Chronische Bronchitis oder Krebserkrankungen könne die Folge sein.

Und was ist mit den Folgen für das Gehirn, für die Psyche?

Risiken sind ein eingeschränktes Erinnerungsvermögen, Konzentrationsschwäche, verlängerte Reaktionszeiten und Einschränkungen in der schulischen oder beruflichen Leistung. Zu psychischen Problemen zählen Depressivität, Angstgefühle. Bei einer Anlage zur Psychose ist Cannabis ein guter Türöffner. Generell ist festzuhalten, je jünger der Konsument, desto höher die Risiken.

Sie kennen Jugendliche, die mit 13, 14 Jahren den ersten Joint rauchen. Eine kompliziertes Alter...

In der Regel wird zuvor geraucht und später probiert man das erste Mal Cannabis. Mit 13 testet man es vielleicht das erste Mal mit Freunden aus, mit 14, 15 raucht man dann regelmäßig. Es ist eine Zeit, in der man lernt, mit Konflikten umzugehen. Wenn man Cannabis raucht, wird man entspannter, denkt nicht über die Situation nach, man dichtet sich ab. Die Folge ist eine Behinderung der persönlichen Entwicklung. Das Gehirn regeneriert sich nicht, es kann zur Intelligenzverminderung kommen. Das lässt sich später nicht aufholen.

Wann spricht man von einer Suchtgefährdung?

Wenn man regelmäßig nach der Schule, nach der Arbeit kifft, wenn man mehrmals am Tag kifft oder häufig alleine kifft, wenn man für Freunde und seine Hobbys keine Zeit mehr hat. Dazu kommt der wiederholt vergebliche Versuch, clean zu bleiben.

Woran erkenne ich, dass mein Kind Cannabis zu sich nimmt?

Da muss man vorsichtig sein. Man sollte sich immer das Gesamtbild ansehen. Der typische süße Cannabis-Geruch, setzt sich schwer in die Kleidung, das kann aber auch passieren, wenn man mit kiffenden Freunden zusammen ist. Das gilt auch für andere Anzeichen: Gerötete Augen könnten vom Weinen oder Wassersport kommen, großer Appetit wie beim sogenannten Fressflash ist bei Heranwachsenden auch normal, und Probleme mit Konzentration kann normale Ursachen haben. Ich rate dazu, nicht zu empfindlich zu sein und immer im Gespräch zu bleiben.

Was raten sie Eltern noch?

Bleiben Sie ruhig und sachlich. Versuchen Sie, etwas über Art und Umfang des Konsums zu erfahren. Reden sie mit ihrem Kind. Eltern sollten allerdings sehen, wann ihre Kinder aufnahmefähig sind. Das ist nicht unbedingt, wenn sie gerade nach Hause kommen und offensichtlich gekifft haben. Mit Vorurteilen, Panik und Sorge erreicht man nicht viel. Hilfe und Unterstützung bekommt man auch bei den Jugend-, Sucht- oder Drogenberatungsstellen.

Und wenn es die ersten Anzeichen gibt?

Auch hier sollte man mit dem Kind ins Gespräch kommen. Was weiß das Kind über Cannabis, ist es Thema im Freundeskreis? Was denkt es darüber? Wichtig: Eltern sollten ihr Kind aussprechen lassen und seine Meinung auch stehen lassen. Eltern sollten sich hierbei selbst informieren, um im Gespräch entsprechend argumentieren zu können, da die Informationen der Jugendlichen in der Regel bezüglich des Konsums einseitig positiv geprägt sind.

Sie unterscheiden mehrere Phasen der Verhaltensänderung bei Jugendlichen, die konsumieren.

In der ersten Phase sieht der Jugendliche keine Notwendigkeit, sein Verhalten zu ändern, Auseinandersetzungen werden vermieden, es kommt aber auch zur Rebellion. Hier können Eltern Informationen und Rückmeldungen geben. Also sagen, dass man merkt, dass der Sohn nicht mehr zum Fußball geht, die Tochter nicht mehr ihre Freundin trifft. Sie werden das wahrscheinlich abstreiten. Aber sie hören es trotzdem.

Die zweite Phase ist die Absichtsbildung...

Das heißt, dass Jugendliche mit dem Gedanken spielen, aufzuhören, aber keine festen Pläne haben. Hier können Eltern Pro und Contra zum Cannabiskonsum herausgearbeitet werden. Man kann Widersprüche aufzeigen: Du wolltest doch Tischler werden, aber mit den Noten schaffst du das nicht. Und wie in allen Phasen geht es darum, das Selbstvertrauen des Kindes aufzubauen.

Phase 3– die Vorbereitung:

Hier können Eltern unterstützen, wenn sie Alternativen aufzeigen. Ein Beispiel: Jugendliche definieren sich heute gerne über das Äußere. Da könnte man ein Fitnessstudio vorschlagen. Wer kifft, schafft das Training nicht. Und es ist hilfreich, Vereinbarungen zu treffen – auch schriftlich.

Und wenn der Jugendliche dann in Phase 4 in hohem Maß entschlossen ist?

Auch hier gilt es wieder, das Selbstvertrauen zu stärken. Wenn das Kind therapeutische Maßnahmen braucht, ist es wichtig, sich auch als Eltern beraten zu lassen. Vielleicht muss sich ja auch das Umfeld ändern.

Und wenn es zum Rückfall kommt?

Das ist ein hohes Risiko. Man muss sich aber klar sein, dass man nicht wieder von vorne anfangen muss, sondern wieder an dem Punkt startet, an dem man mit dem Cannabiskonsum aufgehört hat. Wer sechs Monate clean ist, bei dem ist die Prognose gut.

Beratungstermine des Diakonie-Suchtzentrums sind in Ahaus und Gronau möglich: Tel. (02562)7011170.
Infos im Internet: www.stark-statt-breit.de