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"Positionen" finden Gefallen

Legden Nach und nach schälen sich aus der Dunkelheit die Konturen eines nackten Mannes. Fingerspitzen berühren den Fußboden. Zwischen den Händen stehen eng nebeneinander die beiden Füße. Die Knie: durch gedrückt. Der kahle Kopf: so tief gebeugt, dass nichts vom Gesicht zu sehen ist - eine perfekte Rumpfbeuge.

22.10.2007

Und eine perfekte Zeichnung - zumindest nach dem Geschmack der Besucher der Großen Kunstausstellung Halle/Saale: Mit großem Abstand wählten sie Piotr Sonnewends dreiteilige Studie "Positionen" zum beliebtesten Werk der Herbstausstellung zeitgenössischer Kunst, die jetzt nach sechs Wochen endete. Unter mehr als 400 Bewerbern waren 59 Künstler ausgewählt worden, ihre 91 Werke in der Kunsthalle Villa Kobe auszustellen - nicht nur im Hinblick auf die unterschiedlichen Medien eine überaus vielschichtige Präsentation verschiedener Kunstformen: von Malerei und Fotografie über Installationen bis eben auch zu Zeichnungen.

"Leipziger Schule"

Und das sei gar nicht so selbstverständlich, weiß Piotr Sonnewend: "Die Grafik ist inzwischen fast vom Aussterben bedroht." An westlichen Kunsthochschulen muten Radierung, Lithografie und fotomechanische Verfahren der Druckgrafik inzwischen angesichts der Konkurrenz der Computergrafik fast exotisch an.

Anders in Leipzig: "An der dortigen Hochschule für Grafik und Buchkunst kommt der Grafik noch eine große Bedeutung zu - nicht nur nominell, sondern tatsächlich", so Sonnewend. Vom "Primat des Zeichnerischen" im Gegensatz zur Vereinfachung oder zum Expressiven, wie sie Kunstströmungen in anderen Teilen Deutschlands und Europas prägen, ist die Rede. Dass das nicht anachronistisch, sondern überaus "in" ist, zeigt der anhaltende internationale Erfolg der "Leipziger Schule", einer Strömung der modernen gegenständlichen Malerei. Der Boden in Halle - also unweit von Leipzig - war gut bereitet für Sonnewend. Dass die rund 900 Ausstellungsbesucher seiner monochromen Zeichnung in drei Teilen - eine Vorder- und zwei Seitenansichten des Nackten - den mit 500 Euro dotierten Preis zusprach, begründet er auch mit dem durch die Leipziger Kunstakademie geprägten, vorherrschenden Geschmack.

Subjektive Spiegelung

Denn auch Sonnewends Arbeiten sind geprägt vom handwerklichen Können grafischer Techniken und realistischen Tendenzen. Dabei bildet er aber die Wirklichkeit nicht so ab, wie sie ist, sondern wie er sie sieht. Diese subjektive Spiegelung macht es lohnend, zwei- oder besser dreimal hinzusehen, wie es das Hallensische Kunstpublikum offensichtlich tat.

Dann schält sich aus der Dunkelheit zwar nach wie vor ein nackter Mann heraus. Doch ist es nicht Verzweiflung, die ihn sein Gesicht abwenden lässt? Und ist die gymnastische Übung nicht weniger Ausdruck von Körperbeherrschung als von einem irgendwie überdehntem Leben? sy-