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Die strengen Beobachter

LÜNEN Wenn Ludger Nottenkämper ins Schlachthaus kommt, ist er ein gern gesehener Gast. Ohne, dass es Aufregung auslösen würde, kann er sich frei in allen Räumen bewegen. Keine Spur von Argwohn: und das, obwohl der Mann für die Lebensmittelaufsicht arbeitet.

von Von Sebastian Smulka

, 11.01.2008

"Viele Betriebe wollen die Kontrollen sogar", sagt der amtliche Tierarzt der Kreisverwaltung, während er seinen Geländewagen in Richtung Lünen steuert. "Sie wollen sicher sein, dass alles einwandfrei läuft. Und sie wollen sich ganz bewusst abgrenzen von den schwarzen Schafen, die die Branche ins Gerede bringen."

Nicht der Buhmann vom Amt

Und da ist Nottenkämper für die Betriebe nicht etwa der Buhmann vom Amt, sondern ein fachkundiger Partner. Vielleicht sogar der perfekte: Der studierte Tierarzt ist zugleich ausgebildeter Metzger und hat in seinen frühen Jahren selbst so manches Schwein zerlegt. "Sie wissen, dass sie mir nichts vormachen können. Da kann man dann gleich ganz anders miteinander umgehen", lacht er.

Bei Milk und Beermann in Lünen, einem von zwei Schlachthäusern des Kreises, schaut er vergleichsweise selten vorbei. Die vom Landesamt für Verbraucherschutz verfügten Sonderkontrollen hat der Betrieb bereits bestanden. Und im Alltag begleitet ein eigens dafür eingesetztes Kontrollteam des Kreises den kompletten Arbeitsablauf - von der ersten Anlieferung lebender Schweine am Morgen bis zum abschließenden Großreinemachen. Tag für Tag.

Dusche vor dem Ende

An diesem Tag ist es Nottenkämpers Kollegin Dr. Ilona Lübke, die den Veterinär der Kreisverwaltung empfängt. Sie inspiziert gerade den "unreinen" Bereich - die Anlieferung der Schweine. Ist ein Tier krank, würde es hier gleich auffallen. Aber nicht nur der Fleischqualität gilt ihr Augenmerk. Auch den Tierschutz dürfe man nicht außer Acht lassen, selbst wenn es sich für die Schweine um die letzten Meter ihres Lebensweges handelt. "Angenehm ist das für die Schweine nie, aber man muss es ja auch nicht übertreiben." Bei Milk und Beermann übertreibt man es wahrlich nicht. Kurz vor ihrem Ende bekommen die Tiere noch eine Dusche zur Abkühlung. Schweine können nicht schwitzen und sind nach dem Transport meist stark überhitzt und durstig. Im Gehege der Tieranlieferung bekommen sie mindestens eine halbe Stunde Zeit, um sich von den Strapazen der Fahrt zu erholen. Dann kommen sie jeweils zu zweit in eine kleine Gaskammer, um mit einer massiven CO 2 -Ladung betäubt zu werden. Wenn der Schlachter sie an den Haken hängt und ihnen die Hauptschlagader durchsticht, kriegen sie es nicht einmal mit.

Tempo ist gefragt

Danach ist Tempo gefragt. Nicht nur, um die rund 2000 Schweine pro Tag überhaupt verarbeiten zu können, sondern um sie schnell in die Kühlung zu bekommen. Ausweiden, in zwei Hälften zersägen, das Stichfleisch aus der Region des tödlichen Kehlstichs herausschneiden - all das geschieht hocharbeitsteilig im Fließbandtempo. Mitten im Getümmel der Tierkreissägen und Fleischermesser: Zwei weitere Kontrolleure des Kreises, für deren Einsatz der Betrieb Gebühren zahlen muss. Mit der gleichen Schlagzahl wie die firmeneigenen Mitarbeiter inspizieren sie innere Organe und entnehmen Proben für die Untersuchung auf Trichinen. Sie werden in einem Laborraum, für den nur die Lebensmittelkontrolleure den Schlüssel haben, in einem Gemisch aus Salzsäure und Pepsin "verdaut" - eine Prozedur, bei der die Fadenwürmer übrig bleiben würden.

Dichtes Kontrollnetz

Fündig wurden die Kontrolleure des Kreises bei einer solchen Untersuchung nur ein einziges Mal innerhalb der zurückliegenden fünf Jahre - bei einem Wildschwein, das ein Jäger in einem Betrieb in Unna abgegeben hatte, um es dort zerlegen zu lassen. Das dichte Netz der Kontrollen passieren auch bei Milk und Beermann nicht alle Tiere. "Dieses hier zum Beispiel hat Verwachsungen, die darauf schließen lassen, dass es in jüngerem Alter einmal eine Lungenentzündung hatte", sagt Ludger Nottenkämper. Und das reicht schon, dass das Schwein mit einem dreieckigen Stempel und einem roten Fähnchen versehen in den Raum für die zu entsorgenden Tiere ausgeschleust wird. Nottenkämper ist nach seinem Rundgang zufrieden: Alles läuft, wie es soll. Erst nach der Inspektion schaut er bei Geschäftsführer Heinrich Milk im Büro vorbei. Der freut sich sichtlich über den Besuch.

Mehr als in Ordnung

"99 Prozent der Betriebe sind mehr als in Ordnung", sagt er. "Wenn wir hier heute Nachmittag mit dem Putzen durch sind, ist unser Schlachthaus vermutlich sauberer als 70 Prozent der Kühlschränke in deutschen Küchen." Gammelfleisch - das Reizwort der Fleischindustrie hat auch für Nottenkämper etwas Unerklärliches. "Bis heute weiß ich nicht, welchen Gewinn man durch Fleisch erzielt, das über ein Jahr im Kühlhaus gehangen hat. Denn diese Lagerung kostet ja Geld, und dass man in diesen Größenordnungen Fleischbestände einfach vergessen kann, klingt unglaublich."

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