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Einigeln reicht nicht immer

LÜNEN Das kleine Stacheltier läuft durch den Lichtkegel des Autoscheinwerfers. Bevor er im Graben verschwinden kann, wird er eingeholt und ist kurz darauf im warmen Auto unterwegs nach Cappenberg - zur Igelstation.

von Von Günther Goldstein

, 07.12.2007

Hier findet sich schnell ein großer Karton, der mit Laub und Heu ausgelegt das Wohlwollen des stachligen Gastes erfährt. Aber was ihn schon draußen auf den Beinen gehalten hatte, lässt ihn auch hier schnell unruhig werden: Er hat Kohldampf. Seine feine Nase führt ihn zielstrebig zum vollen Katzenfressnapf, der Stubentiger beäugt das mit Argwohn und gebührendem Respekt. Er kennt Igel aus dem Garten.

Satt krabbelt der Igel in seine Laubkiste, schläft eine Runde, um dann wieder zu fressen. Haben wir ihm das Überleben gerettet? Nach dem anfänglichen „Gute Tat-Gefühl“ kommen erste Fragen. Das Internet bietet mit seinen einschlägigen Foren schnelle Antworten. Als erstes wiegen. Ergebnis der Küchenwaage: 250 Gramm, also viel zu leicht. Unterbringung? Ist richtig fürs Erste, Beköstigung auch.

Besuch beim Tierarzt

Doch dann meldet sich „Gulliver“, wie er spontan von den Kindern getauft wurde laut zu Wort – er hustet. Das bringt ihm einen Besuch bei der Tierärztin Dr. Barbara Seibert ein. Die Nacht zuvor igelt er sich zum Schlafen in einem Pantoffel ein, den er auf seinem Erkundungsgang entdeckt hat.

Die Tierärztin gibt dem kleinen Kerl nach einer Behandlung gute Chancen, über den Winter zu kommen. Und sie gibt uns für alle Fälle noch die Telefonnummer einer „Igelmutter“ in Nordlünen.     

          Die heißt Katja Benthaus (35), wohnt in der Ulmenstraße und bekam vor zwei Jahren von ihrem Mann einen jungen Igel mitgebracht. Mit ihm begann die Entwicklung ihrer Igelstation, der schon Dutzende von Stacheltieren ihr Überleben verdanken. „Igel sind eine ganz besondere Art von Wildtieren. Da nutzt die Erfahrung mit Haustieren nicht viel“.

Igel sind eine der ältesten Säugetierarten, die es noch auf der Erde gibt. Ihre Entwicklung und Anpassung haben sie so lange überleben lassen. Doch einige „Bauteile“ dieser Strategie geraten ihnen heute zum Nachteil.

Sich bei Gefahr blitzschnell einzurollen, nutzt auf der Straße gegen ein Auto wenig. Der Winterschlaf funktioniert auch nur dann, wenn es einen richtigen Winter gibt. Und das mildere Klima lässt im Herbst noch eine Generation zu, die dann im Winter nicht das Gewicht erreicht, um in den Winterschlaf zu fallen. Dazu muss der Igel gut 500 Gramm wiegen, und die Temperaturen müssen um den Gefrierpunkt liegen.

Dazu nimmt ihnen der Mensch massiv ihre Lebensräume. Sterile Gärten bieten kaum Nahrungsquellen. Igel ernähren sich von Schnecken, Käfern und Würmern, kleinen Säugetieren und Aas. Und sie brauchen für die Überwinterung einen Platz unter wilden Sträuchern, wo sie sich richtig in die Blätter einrollen können.

Nachtaktiv und nützlich

Hinzu kommt noch Störungen durch den Menschen, oft verbunden mit einer allgemeinen Abneigung gegen Wildtiere in angelegten Gärten. Dabei sind Igel fast nur nachtaktiv und für den Garten äußerst nützlich.

„Der Igel ist ein Wildtier. Man darf nur verletzte, kranke oder zu leichte Tiere mit nach Hause nehmen“, stellt Katja Benthaus fest. „Und man sollte sich für seine Versorgung genau erkundigen. Er darf auf keinen Fall mit Milch gefüttert werden, davon bekommt er einen tödlichen Durchfall. Ein gekochtes Ei hilft in der Not, ansonsten Katzen- oder Hundefutter – in Maßen“.

Igel leiden unter Parasiten. Die schlimmsten sind die Lungenwürmer. Aber ein gesundes Tier wird damit fertig. Ist es fit und nur wegen der zu warmen Witterung wieder unterwegs, schafft es der Igel alleine durch den Winter.

Es ist auch nicht gut, wenn der Igel zu engen Kontakt zu Menschen bekommt und seine Schutzmechanismen verlernt. Bei festgestelltem Untergewicht kann man ihn behutsam füttern. Dabei ist die Bereitstellung von Wasser zu beachten. Regelmäßiges Wiegen zeigt an, wann das Tier wieder in die Freiheit entlassen werden sollte. Während seines Gastspieles muss er ausreichend Bewegungsfreiheit haben. 

    

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